100
IV. Nutzen der Autographen.
Handwerk lernen, denn hier ist das Loch, wo allenfalls mit einer mecha-nischen festen Hand Alles gethan ist, — um Gottes willen aber keinenGelehrten, wenn nicht ein Pedant in der Welt mehr werden soll, einSystemgelehrter, Vielwisser, der Alles seinem Leisten anpassen will,den er sich in seinem Kopfe, der diesem gedrehten Holze nicht vielungleicher ist, gemacht hat. Ein Gelehrter muss, wenn auch nichtGenie, doch genieartig und mehr als Handwerker sein. — SchöneHandschrift nenne ich, wo ich Ausdruck von dem Genie ihres Schrei-bers, seiner Empfänglichkeit für Schönheit und Empfindung finde, —freilich ist just diese nach der Sprache des Lebens garstig geschrieben,unordentlich, die Buchstaben unter einander liegend und die Zügeschief conturirt. Solche Handschriften würde ich auf ein Naturalien-kahinet thun, neben die seltenen Producte des menschlichen Geistes,wenn diese dort zu finden wären. Ich habe viel dergleichen Schön-schreiber gesehen und gekannt: der eine hatte schon in seiner Kind-heit wegen der schön gemalten Buchstaben die Aufmerksamkeit desPfarrers auf sich gezogen, der ihn eben deswegen hatte wollen studi-ren lassen. Jetzt ist dieser Schönschreiber Schneider, ein genauer,fleissiger, accurater und gottesfürchtiger Handwerker. Wer Verstandhat, dem giebt auch Gott Amt; der Mensch trägt es gleichsam vorsich her, was er einst werden soll, sagt Lavater irgendwo. Die Naturwusste besser dem Maler dieser Buchstaben Amt zu gehen, als seinPfarrer. Ein anderer ist Geistlicher, der dem Inspector seiner DiöceseGedichte wie gedruckt geschrieben überreicht — ein Mann, der seinehebräische Bibel jährlich ein Paarmal durchliest und sie schon fünfzig-mal durchgelesen hat, nicht aber empfunden, philosophisch nach demGeiste des Morgenlandes studirt, sondern analysirt, die Punkte gezählt,falsche Accente angemerkt und grammatische Lesarten verglichen.Ein dritter war ein junger Studirender, der seine Manuscripte in dergrössten Ordnung der Buchstaben abschrieb — jetzt ist er ein Acten-schreiber.
Lavater beantwortet einen Einwurf: „Aber die schönsten regel-mässigsten Schreiber sind oft die unregelmässigsten Menschen — wiedie besten Prediger — und dennoch würden die besten Prediger nochunendlich bessere Prediger sein, wenn sie die besten Menschen wären.So die Schönschreiber. Sie würden noch edler, noch schöner schrei-ben, wenn sie zu ihren Talenten noch gerade so viel Herz hätten."Ich würde diesen Einwurf nicht beantwortet, sondern ganz widerlegt