IY. Nutzen der Autographen.
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haben. Nicht allein Erfahrung, sondern auch physische Kenntniss desKörpers können Beweise hergeben, dass ein solcher Schönschreiber,wie ich ihn oben beschrieben habe und wie ihn das Leben nennt,nicht ein unregelmässiger, ausschweifender, sanguinischer Menschsein kann.
Je mehr Genie, desto weniger Schönschreiber, nicht aber daherder Schluss: je weniger Schönschreiber, desto mehr Genie 1 . Wie vielGenies würden sonst bald nicht in der Welt sein, wenigstens geniear-tig schreiben! Es giebt noch tausend Modificationen und wesentlicheUnterschiede unter schlechten Handschriften. Der Nervenschwache,der Gichtische schreibt ebenso schlecht, als das Genie, ohne deswe-gen Genie zu sein. Der Sanguiniker schreibt ebenso wenig schön, alsdas Genie. Nur der Kenner und Beobachter erkennt unter den schlech-ten Handschriften die tausend Abdrücke des menschlichen Empfindensund des menschlichen Geistes.
Wie jedes Temperament seinen Körper hat, in dem es wohnt, je-der Körper seine eigene Hand und jede Hand ihre eigene Handschrift,so muss auch jedes Temperament seine Handschrift haben, wo es seinenCharakter abmalt, wenn überhaupt der ganze Mensch in allen seinenHandlungen, Aeusserungen seinem Körper mit sich selbst übereinstim-mend sein soll. Nichts ist wol natürlicher, als dies, nichts wird aberzugleich auch wol mehr Kopfschütteln erregen, als der Versuch, Hand-schriften mit Temperamenten in Uebereinstimmung und jene wie diesein Klassen bringen zu wollen. Und doch ist nichts leichter als dies,nichts leichter durch Erfahrung und Anthropologie zu beweisen alsdies. Die Handschriften lassen uns den Menschen in ebenso viel Tem-peramentsunterschieden erscheinen, als die Physiognomik und dastägliche Leben des handelnden Menschen. Ebenso viel Klassen vonTemperamenten, ebenso viel giebt es von Handschriften, soviel Ab-stufungen und Unterarten jedes Temperaments, so viel Abstufungender Aehnlich- und Unähnlichkeiten der Handschriften.
Ist es gewiss, dass jedes Temperament sich eine eigene Physiogno-mik bildet, auf einem gewissen Kopfumrisse, Wölbung der Stirne u. s. w.ruht, so ist es wol ebenso gewiss, dass nach dem äusseren Ansehender Physiognomik die Handschrift des Menschen zu bestimmen und
1. Der treffliche Reimarus schrieb so schlecht, dass, als er einst sein Concept aus derBibel verlor, es auf der Apotheke in Harburg für ein Recept gegen die Viehseuche ausgegebenwurde. Gotting. Taschenb. a. d. J. 1810.