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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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IV. Nutzen der Autographen.

dass es nicht blos Marktschreierei ist, nach dem Aeusseren eines Men-schen auch das Charakteristische seiner Handschrift vorherzusagen.Aehnliche Menschen haben ähnliche Handschriften, unähnliche auchunähnliche. So wenig sich Mann und Weib, Jüngling und Greis, Kindund Mann einander ähnlich sehen, so sehr disharmonirt auch gleich-sam das Alter, das Gepräge ihrer Handschriften. Sanguinische Men-schen, je mehr sie sich in dem Sanguinismus einander gleich waren,habe ich immer in ihren Buchstaben eine Regel, ein Gepräge und eingleiches Kolorit beobachten sehen, cholerische Menschen ebenso dasBrennende, das Heisse ihrer Empfindung in ihren Handschriften durchdas Eckige, Scharfe, Spitzige, Gebrochene, Langgezogene ihrer Buch-staben, die wie Bajonette vorgestreckt liegen. Wie der Sanguiniker,wenn er irgend ein interessantes Factum seines Lebens oder seiner Rei-sen erzählt, es mit den Händen gleichsam nochmals vor sich hinmalt,ebenso malt sich auch das Unruhige, Unstete in dem Hingeschliffenen,Unordentlichen seiner Buchstaben ab. Wie der Sanguinismus ruhigerwird, wird auch die Handschrift ruhig, bis er sich endlich in dasPhlegma verliert, welches seine Buchstaben gerundet, mit ziemlichdick aufgetragenen und groben Farben hinlegt. Sein Arm, seine Handist mit zu vielem Fette umwunden, um in seinen Bewegungen spitzeWinkel zu machen.

Nichts ist lächerlicher, als den Brief eines gichtischen Hektikerszu sehen; wie er seinen ganzen Körper in gichtischen Zuckungen be-wegt, so ist auch seine Handschrift, wie eine hogarthsche Tanzgesell-schaft, die in tausend Winkeln ihre Pas vor-, rückwärts und zurSeite macht.

Inwiefern von Empfindung Grundsätze, Verstand, Geist, Genieabhängt, insofern ist auch aus der Handschrift analog gewisse Schluss-art auf Anlage, Talent, den Geist und Kopf ihres Verfassers möglich.Kritiker, Geschichtswisser, Mathematiker will ich wohl unter tausendHandschriften mit Gewissheit herausfinden und habe sie auch jederzeit,ohne mich zu trügen, herausgefunden. Eben darum ist es so leicht,diese zu erkennen, weil die Nerven und der Körperbau die erste Ver-anlassung und der Anreiz zu diesen Wissenschaften sind. Der Kritikerscheint mir blos eine Geburt des unruhigen, gichtischen, empfindlichen,überall Anstoss findenden scharfen Nervengeistes, der Mathematikereine Geburt des festen, starken, unempfindlichen Nervens und der Ge-schichtswisser des sanguinischen Bluts, inwiefern dadurch das Physi-