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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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XII. Beurtheilung und Werth der Autographen.

frivole Sinn der grossen Menge häufig genug die Ballettänzerin desTages dem gelehrten Sternkundigen vorzieht, der Nächte durchwacht,um die Bahn der Sphären zu ergründen, die Planeten zu messen undneue Kometen aufzufinden, wo die Prima Donna den Dichter in denHintergrund drängt, der uns ein dramatisches Lebensgemälde enthülltoder dessen ewige Lieder die Thaten seines Volkes verherrlichen.

Es giebt Sammler und Sammlerinnen, welche keinen Augenblickzweifelhaft bleiben würden, wenn ihnen die Wahl zwischen einer Fanny-Eisler oder einem Kopernicus, zwischen der Henriette Sontag und Les-sing freigelassen wäre.

Die grössere oder geringere Seltenheit bildet den zweitenGesichtspunkt.

Aus einem selteneren oder häufigeren Vorkommen erwächst dieBedeutung des Autographs. Hieraus folgt aber wiederum, dass für denSammler, welcher die grösstmöglichste Vollständigkeit gewisser Rubri-ken (Gruppen oder Kreise) beabsichtigt, oft die Handschrift des minderBedeutenden einen höheren Werth erhält, als die des grösseren Geistes,von welchem zufällig mehr Selhstschriften vorhanden sind.

Daher steigt der Preis eines Autographs in der Maasse nach derZeit, in welcher sein Urheber von unseren Tagen und von unseremLande entfernt gelebt hat.

Man schätzt einen Kaiser Maximilian I. höher als Joseph II., ob-gleich beide Männer seltene historische Grössen waren, einen Karl V.höher als Friedrich II., man strebt einem Martin Opitz und Paul Flem-ming mit grösserer Begierde nach als einem Friedrich v. Hagedorn undAlbrecht v. Haller, sucht einen Bodmer und Gottsched eifriger, alsWieland und Herder und wird zumal in Deutschland einen Lutherund Melanchthon, Zwingli und Calvin, Erasmus und Reuchlin, Ulrichv. Hutten und Franz v. Sickingen über Alles setzen.

Aber auch von der Epoche des Schreibers abgesehen übt das kür-zere oder längere Leben desselben, sein grösserer oder geringerer Ver-kehr und seine besonderen Schicksale einen entscheidenden Einflussauf die Seltenheit seiner Handschrift aus. So hat das Autographumeines Schiller einen höhern Werth gegen das von Goethe, und Sim.Dach und Hölty einen noch höheren als beide, ungeachtet die Be-deutung dieser Dichter für Deutschland im umgekehrten VerhältnissBteht.