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XII. ßeurtheilung und Werth der Autographen.
Ruccellai und Macchiavelli, Aiiosto und Tasso, Cosmus und Lo-renzo von Medicis sind in Hinsicht der Literatur für die Italiener, —wie Milton und Pope, Newton und Hobbes, Gibbon und Hurne für dieBriten, — Corneille und Racine, Malherbe und Montaigne, Ronsardund Montesquieu für die Franzosen, — Calderon und Lope de Vega,Cervantes und Quevedo für die Spanier — die Scheitelpunkte der Samm-lungen. Chaucer und Shakespeare, Rafael Sanzio und Michel AngeloBuonaroti, Mich. Wohlgemuth, Alb. Dürer, Luc. Cranach, Hans Sachs,Johann van Eyck und Hans Hemling, ja seihst der neuere Moliere sindfast gänzlich unerreichbare Grössen 1 .
Der dritte Gesichtspunkt liegt in der Beschaffenheit derHandschrift begründet. Letztere umfasst wiederum Inhalt, Darstel-lung und Erhaltung.
Obgleich die Eigenschaft des Eigenhändigen stets als die oberstegelten muss, so kann doch, diese vorausgesetzt, auch die Darstellungswei-se und der geistige Inhalt, sowie zuletzt die gute Erhaltung des Stückeseine billige Rücksicht verlangen. Letzteres — sei es ein Brief oder einBlatt wissenschaftlichen oder Geschäftsinhaltes, — von der eigenenHand des Urhebers geschrieben, mit dem Orte der Entstehung, mitDatum, Jahreszahl, vollständiger Unterschrift, und auf dem zweiten
1. Von vielen Personen giebt es keine Autographeu, nach denen dem Sammler gelüstenkönnte; wir führen beispielsweise nur Johanna d’Arc an. Seit 4 Jahrhunderten lag unbekanntund unbeachtet in dem Archiv der Stadt Riom, unter alten Acten im Staube eins der kostbar-sten historischen Documente, ein Brief der Johanne d’Arc mit deren Unterschrift. Vor Kur-zem wurde er gefunden und er beweist, was man bisher bezweifelt hat, dass die BefreierinFrankreichs schreiben konnte, wenigstens,ihren Kamen, er beweist aber auch, dass die Jung-frau von Orleans wirklich souveräne Gewalt besass. Trotz der einfachen Formen, in denendas Schreiben abgefasst ist, das ganz den Charakter heiliger Demuth trägt, durch die sie sichauszeichnete, erkennt man leicht die Macht, mit der sie bekleidet war. Der Brief lautet: „Anmeine guten lieben Freuude die Geistlichen, Bürger uud Einwohner der Stadt Riom. Liebenund guten Freunde, Ihr wisset, dass die Stadt St. Pierre le Moustier mit Sturm genommenworden ist und ich, mit Gottes Hülfe, die Absicht habe, den Feind aus andern Orten zu ver-treiben, die gegen den König sind; da aber vor der genannten Stadt viel Pulver, Bolzen undanderes Kriegsmaterial verbraucht worden ist und ich Charite belagern will, wohia wir inEile ziehen, so bitte ich Euch, bei Allem was Ihr liebt, bei dem Wöhle und der Ehre des Kö-nigs, Ihr wollet mir sofort für die genannte Belagerung Pulver, Salpeter, Schwefel, Bolzen,Armbrüste und anderes Kriegsmaterial schicken. Sorget, dass uicht, wegen Ausbleibens diesesPulvers und Materials, die Sache sich in die Lauge ziehe und dass ich Euch uicht für nachlässigoder übelwollend erklären müsse. Liebe uud gute Freunde, unser Herr nehme Euch in sein®Hut. Geschrieben zu Molins, am neunten Tage des November. Johanna.“ Der Brief, derkeine Jahreszahl trägt, sonst aber unzweifelhaft acht ist, stammt aus dem glänzendsten Jahreder Heldin, nämlich aus 1429. Am 8. Mai d. J. erfolgte die Aufhebung der Belagerung vonOrleans, am 17. Juli die Salbung des Königs iu Reims, im October die Erstürmuug von St.Pierrele Moustier und am 29. December die Erhebung Johanua’s und ihrer ganzen Familie in den Adel-stand. Allg. Moden-Ztg. von A. Diezmann 1854 Nr. 48 S. 884.