Vom Wesen des Autographen.
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bald absichtlich, bald unwillkürlich, über sich selbst ausstellt, lnden Werken, die er für die Welt bestimmt, offenbart sich das Können,zeigt sich das Vollbrachte; in den Briefen, die er an seine Lebens-und Geistesgenossen, an Freunde und Bekannte richtet, enthülltsich das Streben und Sinnen, das Wollen und Streben, das Werdenund Sein. Indem die Briefe den Werken sich als gleichberechtigtzur Seite ordnen, erheben sie an unsere Aufmerksamkeit den gleichenAnspruch. So wird der Autor sein eigener Lebensbeschreiber unddadurch zugleich sein eigener Erklärer. Er darf sich uns zu er-kennen geben nach dem ganzen Umfang seiner Natur und in derselbständig geschlossenen Einheit seines Wesens.“
Julius Rodenberg rühmt von den Briefen von Franz Dingelstedt :
„Nirgends war Dingelstedt so ganz und so sehr er selber, mitallem, was die Natur ihm an Witz, Anmut, Malice, feinem Spottund treuer Anhänglichkeit verliehen, als in seiner Korrespondenz.Er gehörte noch der Zeit an — und in diesem Betracht wird eswohl gestattet sein, sie die gute alte zu nennen — in welcher anden Brief ein literarischer Maßstab gelegt wurde, wo Briefe minde-stens individuell waren; und wiewohl er noch weit genug in dieGegenwart hineingelebt hat, um zu sehen, wie bei der heutigenGeneration die Zeitung, das Buch, und die Postkarte den Briefverdrängt hat, so ging er in der letzteren Beziehung doch nichtmit ihr. Trotzdem hängt — streng genommen — das eine mitdem anderen zusammen, folgt das eine logisch aus dem anderen:die Auflösung des Stils in der Literatur und in der Korrespondenz“,
Erich Schmidt bemerkt ebenso feinsinnig wie treffend:
„Briefe sind schriftstellerische Leistungen, die sich zum Kunst-werk erheben können, und die Literaturgeschichte verschließt sichden Personen nicht, von denen sie keine anderen Schöpfungen alsdurch Form und Inhalt hervorragende Privatbekenntnisse zu be-urteilen hat. Mit der französischen Gabe, anmutig, witzig, boshaft,geistreich zu plaudern, kann der Deutsche nicht eben häufig ringen,§o daß allein die Seltenheit dieser Erscheinung in unserer Sprache