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Zweites Kapitel.
Die überwiegende Mehrzahl der Berühmtheiten empfindet dieBitte um ein Autograph als eine Begleiterscheinung ihres Ruhms.Antworten sie, so tun sie’s nur — wie Otto Julius Bierbaum gesteht — „in schwachen Stunden“. Alphonse Daudet ließdie Gesuche unbeantwortet; in seinem Nachlaß fand man ganzeKästen voll derartiger Briefe, von denen viele eine Freimarkezur Rückantwort enthielten.
Oskar Blumenthal , Wilhelm Jensen, Ludwig Gang hofer , Robert Koch , Wedekind, Ossip Schubin , Max Klinger , Röntgen usw. antworteten gar nicht. ErzherzogFranz Ferdinand ließ durch seine Kammervorstehung mittelsunfrankierten, eingeschriebenen und daher mit Strafporto be-legten Briefes kurzerhand ablehnen, wie denn überhaupt fürstlichePersonen mit ihren Handschriften „grundsätzlich“ nur persönlichBekannte auszeichneten — um gelegentlich von diesem Grundsatzgegenüber ganz Unbekannten abzuweichen!
Dennoch sei’s gewagt.
Autographensammler, welche ihre Schätze auf Grund persön-lichen Ersuchens erlangten, z. B. Postdirektor von Scholl inStuttgart , Graf Budan in Padua , Dr. Wüstemann in Ohrdruffusw., haben ohne Zweifel manch wertvolles Blatt erhascht. Dasie aber auf diesem Wege kaum je eine systematische, d. h. wissen-schaftliche Sammlung zustande bringen und ihre Blätter häufigregellos in irgendeiner „Dokumentenmappe“ verwahren, wie mansie als Dutzendware in jedem Papiergeschäft erhält, so fehlt ihrerSammlung jede Individualität,* jede persönliche Note. Aber miteinem aus Stolz, Eitelkeit und Siegesbewußtsein gemischten Gefühlerzählten sie jedem, der es hören will und der es nicht hören will,wie sie — mitunter — ihr „Opfer“ überlisteten, um ohne irgend-welche Geldkosten ihre Mappen zu füllen.
Ein gutes Wort — denken sie — findet eine gute Stelle; einebenso kurzes, wie höfliches auf unzweifelhafter Wahrheit be-ruhendes Gesuch, dem das Rückporto — am liebsten ein fran-kierter, an den Absender adressierter Briefumschlag unbedingtbeiliegen muß — bleibt nur unberücksichtigt, wenn der Adressat