Zur Psychologie des Autographensammelns. 119
mir bald zu Ende sey“, so ist der Brief ohne Zweifel gefälscht.Der Dichter hätte „mir ahndet“ geschrieben.
Mancherlei Ausdrücke und Schreibweisen sind nur ganz bestimm-ten Persönlichkeiten eigen. An diesen sind sie erkennbar wie anden Zügen, die ihr Porträt aufweist. Ebenso ist der Schnörkel, derden Namenszug abrundet, charakteristisch und trotz jahrelangerBemühung kaum nachahmbar. Die Unterschriften der frühenenglischen Könige z. B. klingen in geradezu künstlerisch vollendeteSchnörkel aus, wenn diese „Handzeichen“ nicht selber den Namens-zug darstellen. Bei den Spaniern hat die Verzierung des Namens-zuges eine solche Bedeutung, daß ein urkundlicher Akt erst durchden Schnörkel seine Rechtsverbindlichkeit bekommt.
Auf alle diese Dinge hat der junge Sammler zu achten. Wennihm daher Autographen unter die Augen kommen, so muß er inder Lage sein, das Fehlen eines einzigen charakteristischen Merk-mals eines solchen Stückes — Briefform, Ausdrucksweise, Wasser-zeichen, Farbe der Tinte, Faltung, Adresse und Siegel — sofort zuentdecken. Nun ist das Nichtvorhandensein des Siegels, das Fehlender Adresse und das Quart- (statt Folio-) Format noch kein Zeichender Unechtheit: wem die gleichmäßigen energischen Schriftzügedes Prinzen Eugen von Savoyen vertraut sind, der verehrtden in seinem Besitz befindlichen Brief dieses Feldherrn als echt,auch wenn zu dem Manko der eben bezeichneten Merkmale dieUnterschrift „Eugene de Savoye“ (statt „Eugenio von Savoye)“kommt! Fehlt die Hülle des Briefes — vom Briefumschlag inunserem Sinne konnte man damals noch nicht sprechen — so istanzunehmen, daß sich für diese — namentlich wenn sie den Namens-zug des Absenders trug — im Laufe der Jahrhunderte Liebhaberfanden, die das prinzliche Siegel ebenso interessierte, wie die Hand-schrift.
Dr. Scott empfiehlt dem Anfänger, in Mußestunden eifrigOriginalbriefe und Nachbildungen zu studieren und sie zeitweisewahllos auf seinem Tische auszubreiten, um sich in der Fertigkeitzu üben, nach flüchtigem Blick auf die Handschrift ohne längeresBesinnen ihren Urheber zu nennen. Hat der Anfänger hierdurch