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Drittes Kapitel.
Wenn ein Sammler dem anderen sein Museum öffnet, so istimmer das Interesse gegeben und ein gemeinsamer Genuß verbürgt.Die Autographensammler sind fast ausnahmslos geistig hoch-stehende Männer und Frauen. Der dem Weidmann innewohnendeJagdneid gegenüber dem glücklicheren Jünger St. Huberti ist ihnenfremd, denn sie wissen, daß ein bewundertes Autograph eben nurdas Eigentum dieses einen Sammlers sein kann, der es ihnen vor-legt.
Im Gegenteil: der mit Kostbarkeiten reicher Gesegnete zeigtdem Sammler mit bescheidenen Mitteln seine Rarissima nur zögernd,um ihn nicht durch das in ihm aufkeimende Bewußtsein seiner be-grenzten wirtschaftlichen Lage zu verstimmen. In diesem Fallewird der Sammler größten Stils seine kostbaren Stücke absichtlichniedriger bewerten und als minderbedeutend, d. h. als kaum er-strebenswert, kennzeichnen. Dem ernsthaften Autographensammlerist nämlich jeder Hochmut fremd. Radowitz sagt:
„Vor der Sammlung gilt vollkommene Gleichheit: vornehmund gering, jung oder alt, Christ oder Jude, Monarchist oderDemokrat, Genie oder Philister — alles erkennt sich als Brüdereines, wenn auch nicht geheimen, so doch dem Laien nicht minderunbegreiflichen Bundes. Und in diesem Bunde selbst — welcheRührigkeit, welche nimmer rastende Politik! Vereinigt durcheigene Sprache und Erkennungszeichen, durch ausgebildeten Ver-kehr, führen seine Glieder dabei einen Krieg aller gegen alle.“
Wer für unsere Wissenschaft neue Jünger wirbt, der schreckesie nicht durch Erzählungen von den Mühen ab, welche das An-legen einer Sammlung verursacht; auch die Vorrechnung der fürdie Autographen aufgewendeten Geldsummen birgt kaum Werbe-kraft in sich. Dagegen verehre man dem jungen Sammler Namens-züge, Patente oder etwa einen Meyerbeer, und man wird ihnsicher aus einem Autographenjäger, der die Tagesgrößen belästigt,in einen wissenschaftlich orientierten Sammler wandeln.
Ein gutes Mittel, Pietät gegenüber dem Andenken lieber Men-schen zu wecken, ist die Spendung eines Stammbuchs. Wer alsernster Mensch persönlich nahestehende, geistig hochstehende