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Viertes Kapitel.
gebern des „Organs“ nicht gelang — zum ersten Male die Auto-graphenkunde wissenschaftlich begründen. Die Verfasser gehenfreilich von der Ansicht aus, „daß die Autographie eine Lieb-haberei zu nennen ist“, allerdings „eine der edelsten und geist-reichsten“, und lassen sie allenfalls „als eine jüngere Schwester derGeschichte“ gelten, „die dem Geiste eine gehaltvolle Nahrungbietet, die historischen und literarischen Kenntnisse außergewöhn-lich bereichert und die intellektuelle Ausbildung ungemein be-fördert“. Die heutige Zeit blickt bekanntlich zum Autographen-sammeln als zu einer ernsten Wissenschaft empor, deren verständnis-volle Pflege Geist und Gemüt in hohem Grade beschäftigen, aberauch bilden, erfreuen und veredeln!
Obwohl die deutschen Sammler sich im Vergleich zu ihren aus-ländischen Genossen mit an Zahl und Inhalt recht bescheidenenStücken begnügten, so finden wir dennoch um die Mitte des Jahr-hunderts auch schon in Berlin und anderswo Sammler größerenStils.
Varnhagen von Ense hatte nach französischem Muster imAlter von zwanzig Jahren (1804) mit der Anlegung eines Stamm-buchs („Erinnerung“) begonnen, in welchem sich u. a. Chamissoverewigte. Während seiner Studentenjahre in Halle und in Berlin ,als Teilnehmer an den Freiheitskriegen in österreichischen undrussischen Diensten (unter Tettenborn), als Diplomat in Karls ruhe , als Literat in Berlin , überall sammelte er, was ihm in dieHände kam, ohne Rücksicht auf die Geltung der Urheber in derGeschichte oder Literatur. Gelehrte, Schriftsteller und Politikerbildeten den Kern seiner Sammlung, vielfach Leute, mit denen erpersönlich oder amtlich in Berührung kam. 9000 Namen sind inden 307 Kästen seiner Sammlung vertreten. Sonderbarerweisehatte dieser Aristokrat für Fürsten , Feldherren und Staatsmännerkein Interesse.
. Varnhagen wandte für die Erweiterung seiner Sammlung wenigMittel auf. Was er nicht selber erhielt, stifteten ihm seine SchwesterRosa Maria, sein Schwager Dr. Assing, seine vielgefeierte GattinRahel, deren Bruder, der Schriftsteller Ludwig Robert , u. a.