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Fünftes Kapitel.
Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzüglicheMenschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise ver-gegenwärtigt. Solche Dokumente ihres Daseins sind mir, wo nichteben so lieb als ein Porträt, doch gewiß als ein wünschenswertesSupplement oder Surrogat desselben. Sende mir daher, was Dukannst, und rege mehrere Freunde dazu an; wie leicht gibt jederden Beitrag eines solchen Blattes, das sonst verloren ginge unddessen Wert derjenige vorzüglich zu schätzen weiß, dessen Denkartim Alter eine historische Wendung nimmt.“
Selbstverständlich wandte er sich behufs Erlangung von Bei-trägen zur Autographensammlung auch an seinen Leipziger Ge-schäftsfreund, den Buchhändler T. 0. Weigel. Handschriftenwaren damals noch nicht Gegenstand des öffentlichen Handels.Weigel konnte sie demgemäß höchstens „unter der Hand“ auf-treiben, namentlich aus Frankreich , wo im Beginn des 19. Jahr-hunderts bereits — vereinzelt — Autographenversteigerungen statt-fanden. „Fahren Sie auch künftig fort, für mich und meine Lieb-haberey zu sorgen“, bindet er Weigel in einem Schreiben auf dieSeele.
Obwohl sich bereits mehrere Hundert Autographen anhäuften,kennzeichnete Goethe in der Mitte des Jahres 1812 seine Sammlungnoch immer als „klein“. Dennoch suchte er sie auf den Prinzipienvon „Ordnung und Vollständigkeit“ aufzubauen.
Während des Karlsbader Aufenthaltes widmet ihm der vonNapoleon in den Grafenstand erhobene ehemalige schwäbischePfarrerssohn Reinhard, der Diplomat in französischem Dienst,eine große Anzahl von Beiträgen. Aus Wien gehen so viele Spendenein, daß er die in Karlsbad gewonnenen, zu einem „Paquet“ ver-einigten Stücke bereits als eine „bedeutende Sammlung“ bezeichnendarf. Die Muße der Karlsbader Erholungstage, die in vielseitigerGeselligkeit angenehm dahingleiten, füllt die Beschäftigung mit derAutographensammlung lehrreich und ergötzlich aus. Die An-ordnung und Rubrizierung der eingegangenen Stücke wechselt abmit ausgebreiteter Korrespondenz, denn er fährt fort, „durchden Besitz noch habsüchtiger gemacht, gar manchen Freund