I
Zehntes Kapitel.
Echtheit und Fälschung.
In den Becher der Freude, welchen die Sammelleidenschaft demAutographophilen kredenzt, schüttet das Schicksal den Wermuts-tropfen des Zweifels. Nicht im Augenblick des Empfangs, inwelchem die Freude über den neugewonnenen Besitz jedes andereGefühl — vor allem jede kühle Überlegung — übertönt, sondernerst in der Feierstunde ruhiger Betrachtung nistet sich in desSammlers Brust der leise Zweifel ein:
„Ist das Stück auch echt?“
Wehe, wenn die Frage nicht zweifelsfrei bejaht wird! Dann ist’sum seine Ruhe geschehen, und auf die Sammelfreudigkeit legt sichein schwerer Alp. Da man ja gern glaubt, was man wünscht, soläßt sich das vom Mißtrauen durchzitterte Herz leicht beschwich-tigen: ich habe ja immer echte Stücke erworben — ich kenne OttoLudwigs Handschrift ganz genau — mein Lieferant täuscht michnicht...
Einerlei, der Argwohn ist wach, der Bann der Illusion ist ge-brochen; von der Säule der Sammelglückseligkeit hat sich einSplitter losgelöst. Wie Nebel verflüchtigt sich der Nimbus, mitwelchem die Phantasie alle die vermeintlichen Schätze umhaucht.Der nüchterne Verstand kommt zu seinem Rechte.
Photographie und Chemie werden als Kriminalbeamte in dasHeiligtum gerufen, um die Fälschung bzw. Verfälschung zu offen-baren. Welche Entweihung der ganzen Sammlung, wenn sich auchnur bei einem Stück ein Zweifel an der Echtheit einschleicht!
Aber ebenso wie die Wissenschaft die Mittel besitzt, um Fäl-schungen von Handschriften nachzuweisen, ist sie auch in der Lage,Nachahmungen herzustellen, die jedem Vergleich mit dem Original