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Zehntes Kapitel.
ermöglicht die Herstellung von Nachbildungen, welche sich vomOriginal oft kaum unterscheiden lassen.
Ganz eigenhändig oder nur eigenhändig unterzeichnet?
Wenn beispielsweise ein Anerkennungsschreiben mit der un-zweifelhaft echten Unterschrift des Generalfeldmarschalls GrafenMoltke als 1. a. s. bezeichnet wird, so sieht der geübte Sammlerauf den ersten Blick, daß es nur ein 1. s. ist, d. b. textlich von demNeffen und Adjutanten des Marschalls, gleichfalls Hellmut vonMoltke geheißen, herrührt. An einer solchen Feststellung ändertdie Tatsache nichts, daß der frühere gerichtlich vereidigte Sach-verständige beim Landgericht Liegnitz , Hauptturnlehrer Kupfer-mann, einen solchen Moltkebrief als vollinhaltlich von der Handdes großen Schlachtendenkers herrührend bezeichnete! Der un-geübte Sammler und der Nichtfachmann werden natürlich auf dasUrteil des Schreibsachverständigen schwören.
Ein Moltke-Autograph — oder richtiger: ein Moltke-Andenken —bleibt jener Brief, obwohl ihn der Marschall nur eigenhändig unter-fertigte. Allerdings verringert sich nach Festellung dieser Tat-sache sein Wert auf den zehnten Teil des Preises, auf den ein 1. a. s.zu stehen kommt.
Schlimmer liegt die Sache, wenn es sich um Personen desselbenNamens handelt. Alfred Tennyson , Richard Wagner , Bert-hold Auerbach, Fritz Reuter , Eduard Mörike , Gustav Mahler ,Josef Lewinski heißen auch noch andere Leute außer den berühmtenTrägern dieser Namen. Wird nun der Brief eines dieser dii minorumgentium, vielleicht in ähnlichen Schriftzügen wie die des großenNamenvetters, weitergegeben und fällt schließlich einem völligunkundigen Sammler in die Hände, so kann dieser tatsächlich einenTennyson, einen Reuter oder einen Auerbach seiner Sammlung ein-verleiben, wenn sich nicht bereits aus Datierung und Ortsbezeich-nung Zweifel ergeben.
Die Möglichkeit einer derartigen Irreführung ist bei einem auchnur oberflächlich gebildeten Sammler ausgeschlossen — oder wirder einen Tennyson, 1. a. s., aus dem Jahre 1894 für echt halten,wenn ihm jedes Lexikon sagt, daß der große Dichter bereits 1891