Echtheit und Fälschung.
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Selbst ein- so erfahrener Sammler wie Adrian H. Joline wurdeeinmal mit einem Edgar Allan Poe -Autographen erfreut, den erfür einen „prachtvollen eigenhändigen Brief“ hielt, obwohl derdem pietätvollen Sammler innewohnende Instinkt bald einenZweifel an der Echtheit seines „Schatzes“ weckte. Als er sich ent-schloß, das Stück dem ihm befreundeten Sachverständigen CharlesDe Forest Burns vorzulegen, enthüllte ihm dieser mit einigemWiderstreben die bittere Wahrheit: „Das Blatt ist eine ausgezeich-nete Lithographie.“
Joline setzte sich über diese Enttäuschung um so leichter hin-weg, als er den Poe-Brief nicht in seiner Sammelmappe, sondernin einer Poe -Biographie als „Extra-Illustration“ barg.
Auch Briefe von Lord Nelson wurden wiederholt mittels Litho-graphie, allerdings recht plump, gefälscht. Die Verfertiger warenso unvorsichtig, von dem Falsifikat rühmend hervorzuheben, essei gesiegelt und ordnungsmäßig gefaltet in ein Kuvert gestecktworden — und dabei wies der Brief eine Jahreszahl im Datum auf,wo es noch keine Briefumschläge gab; diese kamen bekanntlicherst 1839 in Gebrauch.
Häufig schwirren Fälschungen von Walter Scott -Hand-schriften durch die Autographenkataloge. Sehr geschickt istein Brief dieses Dichters an Tilt gefälscht. Das Papier mit demWasserzeichen 1830 und ein Wachsabdruck des Siegels vervoll-ständigen den Eindruck der Echtheit; und doch ist das Ganze nureine Lithographie. Ebenso wurde ein angeblicher Brief von Lord Byron an Galignani häufig auf altem Papier lithographiert undvon ungebildeten, gewissenlosen Leuten als authentisches Auto-graph angeboten. Fälschungen von Burns- und Shelley-Hand-schriften sind als solche weniger leicht erkennbar: englische Zunft-genossen warnen daher vor jedem Ankauf solcher Blätter.
Größte Vorsicht ist beim Ankauf von Bildern mit eigenhändigenUnterschriften anzuraten; denn diese werden mit den Porträtshäufig selber vervielfältigt. Wenn sie unter Glas und Rahmenprangen, ist ein Faksimile von einer Urhandschrift nur sehr schwerzu unterscheiden.