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Zehntes Kapitel.
Das Oblatensiegel aus Mehlteig erscheint seit 1571. Wenn alsoAutographen älteren Datums diese Art des Verschlusses zeigen,so spricht dies sicherlich gegen ihre Echtheit.
Das in den Briefbogen und den Briefumschlag eingeprägteMonogramm hat seit der Mitte des 19- Jahrhunderts das Lack-und Oblatensiegel verdrängt. Sein Vorhandensein darf man alseine zuverlässige Echtheitsbestätigung ansprechen, namentlichwenn der Briefumschlag auch noch den Poststempel trägt.
Wer die Geschichte von Autographenfälschungen und -Verfäl-schungen verfolgt, muß bereits auf das Altertum zurückgehen.
Plinius erzählt, daß man in Rom einen Brief des Sarpedonvon Lykien an Priamus aufbewahrte. Eusebius übersetzte einenim Archiv von Edessa befindlichen Brief Christi an Abgar aus demAramäischen ins Griechische. Im 9. Jahrhundert werden Dekre-talen gefälscht, d. h. Äußerungen der Bischöfe zwecks Stärkungder päpstlichen Macht; diese pseudo-isidorischen Dekretalen gabenzu lebhaften theologischen Streitigkeiten Anlaß.
Im klassischen Lande des Autographenkultus, in Frankreich ,war kein Träger eines berühmten Namens vor der Fälschung seinerAutographen sicher, ln Massen tauchten unechte Briefe derMarquise von Pompadour auf. Hätte deren niedriger Preis
— je 5 Fr. — die Sammler eigentlich stutzig machen müssen, soließen sie sich auch durch die schlecht nachgeahmte Schrift, dasseltsame Papier und die Siegel mit dem Lilienwappen nicht ab-schrecken. Gefälschten Autographen von Balzac , Sue, Mery,Chateaubriand, Georges Sand , Müsset und Dumas be-gegnet der französische Sammler auf Schritt und Tritt.
Bei einem Luther-Brief z. B. ist immer eine gewisse Skepsisam Platze; nicht als ob Luther -Autographen immer gefälscht sind
— nein, aber sie stammen häufig von Melanchthon . Ein Brief desgroßen Reformators aus dem Jahre 1520 aus Wittenberg an Kaiser Karl V. wurde 1833 als Bestandteil der Sammlung John Anderdonin London verkauft. Der Bischof von Listefield, Dr. Butler,erwarb ihn für 29 Pfd. St. Nach des Bischofs Tode kaufte die FirmaPayne & Foss die Sammlung an und brachte sie 1840 unter den