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Zwölftes Kapitel.
lagen, abzuschreiben, ln diesem Falle handelte es sich um die-jenigen Szenen aus dem „Faust “, welche Goethe bei seiner Über-siedelung von Frankfurt nach Weimar 1775 fertig mitbrachte. Alser 1786 nach Italien reiste, nahm er das Manuskript mit. Nun erstgewann die Dichtung die Form, in welcher sie — zuerst als Fragment— 1790 erschien. Ein jahrelanger Stillstand in der Entwicklung desWerkes folgte. Erst um die Wende des Jahrhunderts, unter Schillersmahnendem und spornendem Zuruf, kam Goethe wieder auf denFaust zurück. Noch immer lagen ihm Szenen aus seiner Frank furter Sturm- und Drangperiode vor, welche seinem neugewonnenenKunstprinzip zuwiderliefen. Sehnlichst wünschte er, diese Szenenin die neue Form zu bringen. Darüber berichtet er an Schiller:„Meinen Faust habe ich um ein gutes Stück weiter gebracht.Das alte, höchst konfuse Manuskript ist abgeschrieben ... Ein sehrsonderbarer Fall erscheint dabei. Einige tragische Szenen waren inProsa geschrieben, sie sind durch ihre Natürlichkeit und Stärke,im Verhältnis gegen das andere ganz unerträglich. Ich suche siedeswegen gegenwärtig in Reime zu bringen, da denn die Idee wiedurch einen Flor durchscheint, die unmittelbare Wirkung desungeheuren Stoffes aber gedämpft wird.“
In diesem Ur-Faust liegen die gekennzeichneten Prosaszenenvor, die Kerkerszene vor allem in ihrer alten Form. In einer von derbekannten Fassung abweichenden Form bietet der kostbare Funddie Szenen im Dom und in Auerbachs Keller .
Wenn der aufgefundene Nachlaß auch nur Abschriften bietet,so liefert er doch nicht nur eine Fülle literaturgeschichtlich höchstwertvoller Aufschlüsse über die Entwicklungsgeschichte der gewal-tigen Kunstdichtung, sondern auch „echte Goethesche Dokumentevon hohem poetischen Wert“.
Erich Schmidt hat sich durch diesen Fund und namentlich durchdessen Verwertung in der Geschichte der deutschen Literatur einbleibendes Andenken gestiftet.
In demselben Jahre, in welchem dem gelehrten Forscher der Ur-faust in die Hände fiel, fand Professor Pamel in einem alten, viel-leicht seit Jahrhunderten nicht geöffneten Schrank zu Heilbronn