V
Von der tumpheit zum zwifel. 559
Arm zu Hause. Es erschien als eine Selbstverständlichkeit, daßjede Mutter mit ihren Kindern den „Erlkönig “, den „Sänger“,„An den Mond“, das „Mädchen aus der Fremde“ und die „Glocke“las, bis diese sie spielend lernten.
Von der glücklicheren Generation, die im Schatten der Titanenaufwuchs, ging die Liebe zur nationalen Literatur auf das Geschlechtüber, das in den beiden Jahrzehnten nach dem deutsch -französischenKriege heranblühte.
Auch meine Mutter hat mir frühzeitig das Heiligtum der Dicht-
, „ ylJu A ) Ä
JL $-Je jj
j- ty-S-
7 ^ /
Abb. 96. Schubart.
kunst erschlossen. Aber neben Goethe und Schiller wurden mirauch Heine, Eichendorff , Geibel und sogar Bodenstedt früh-zeitig vertraut, nicht aus dem Lesebuch in der Schule, nicht auseigener Lektüre zu Hause, sondern aus einer Sammlung gehalt-voller Dichterstellen, die meine Mutter durch die Jahrzehnte fort-führte. Bald keimte in mir der Wunsch, die in jener handschrift-lichen Anthologie vertretenen Dichter auch bildlich kennen zulernen. Ich legte mir daher ein „Porträtalbum“ an, in welchemich auf blauem Kartonpapier die aus Zeitschriften und Katalogenausgeschnittenen Dichterbilder aufklebte.
Wie schön müßte es erst sein — so dachte ich — die in Mutters