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„Und mit Recht, Genevibve; ist's doch ein großes Wort! Ichhoffe, daß ich es all mein lebenlang wert halte, werter noch alsmein Leben." Der Knabe sagte dies mit vollem Ernst, indem ersich dabei einen Augenblick aus das Ruder stützte und im Bootzurücklehnte, um zu dem sich merklich umduukelnden Himmel aus-zublicken, wo bereits ein paar Stcrnlein zum Vorschein gekommenwaren.
„Das wohl," erwiderte Gcnevibve sinnend; „doch Mutter sagt,es sei nicht genug, daß mau hier auf Erden seine Pflicht thut,sondern wir sollen auch den lieben Gott liebhaben und Ihm dienen,„unsre Seligkeit schaffen." Du verstehst, uichi wahr? Mutterthut es sehr leid um Dich, Eduard!"
Dieser antwortete nicht. Durch seine Seele zog ein wunder-sames Bild, so umschleiert, daß er es nicht hätte in Worten dar-stellen können. Vielleicht glich die mit dem Worte Pflicht verbundeneKlarheit dem jetzt eben dahinschwindenden Tageslicht, und die mitder Religion verknüpften Vorstellungen den fernen, matt nur leuch-tenden, aber ewig dauernden Sternen? Doch, mit welcherReligion? Der Gedanke verblaßte wieder gar bald, da sein Innen-leben noch zu unreif war, um ihn festzuhalten und weiter zu ver-folgen. Er griff wieder znm Ruder und brachte das Schifflcinbald hinan an den Fuß einer breiten, hohen Steintreppe, die vonmassivem, steinernem, kunstvoll geformtem Geländer eingefaßt undoben von einem terrassenförmig aufsteigenden, in reicher Farben-pracht blühenden Garten umsäumt war.
„Ach," rief da Geneviöve lebhaft, „da steht Mutter undwartet aus uns! Es muß schon recht spät sein!"
Auf der obersten Stufe der Treppe stand, ängstlich hinnntcr-spähcnd, eine hohe, schlanke Dame, in einem dunkelfarbigen Brokat-kleid«:, mit hoher weißer, von kostbaren Spitzen besetzter Haube,darüber als leichte Hülle einen karmoisinroten Shawl. Sie sagtekein Wort weiter, sondern winkte den Kindern nur, rasch mit ihrzu kommen. Eduard hals Genevieve aus dem Boot und befestigtees dann mit einer Leine an dem dazu angebrachten Pfahl.