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„Ihr seid spät wieder da, lieben Kinder," sagte daranf dieweiche Mntterstininie, als sie an ihre Seite traten, und sie ver-nahmen recht wohl den leisen Ton des Vvrwnrfs; „das Nachtessenwartet, und das gehört sich nicht, wenn ein Gast im Hause ist,der auch darauf warten muß —"
„Aber, Mutter, warum wartet Ihr denn auf uns beide?"fragte erstaunt ihr Töchterlein.
„Auf Dich? Nein, mein Kind, das würde wohl niemand ein-fallen, aber aus Eduard; denn, da er nun einmal der Neffe desHerzogs von Graffvnt ist, was würde wohl dessen Kavalier sagen,wenn wir uns ohne ihn zu Tische setzen wollten?"
Auf Gencvwve machte diese Auffassung der Sache sowohl,wie die ihrem alten Spielgefährten damit beigelegte Wichtigkeit, sicht-lich tiefen Eindruck. Still folgte sie der Mutter in das Hans,ein eigentümlich gebautes, wunderliches altes Schloß, dessen Ziegel-mauern mit Steinen belegt und mit Stukkatur verziert waren, einvorn Kardinal Richelieu damals in die Mode gebrachter Stil. Eshatte nichts Imposantes und keinerlei Anspruch auf Glanz undPrunk, sondern sah mehr aus wie das Wohnhaus eines wohl-situierten, doch keineswegs übertrieben luxuriöse Gewohnheitenpflegenden Mannes.
Das Abendbrot war allerdings heute sehr viel mehr luxuriösals gewöhnlich in der großen Speisehalle serviert, denn des Herzogserster Kavalier war immerhin eine selbst in den Augen seines Gast-gebers, des Advokaten und Ratsherrn Herrn Etienne Montäres,vornehme Persönlichkeit. Doch, als es beendet war, führten sieden Gast in das für ihn gerüstete Staats-Logierzimmer und zogensich zurück. Eine halbe Stunde später stand Eduard zum letzten-mal allein vor dem, der ihm bisher wie ein Vater gewesen war.
Herr Montöres saß in seinem gestickten Schlafrock und seide-nen Pantoffeln in seinem Lehnstnhl; er hatte sogar die in jenerZeit unerläßliche Perücke abgethan, was dem schönen alten, vongrauem Haar umwallten, reges Geistesleben bekundenden Haupte nurzum Vorteil gereichte. Seine Züge waren nicht schön, eher etwasplump; doch das aus ihnen sprechende tiefe und klare Denken undin letzter Zeit die Hand vieler körperlicher Leiden hatte sie seiner