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„Ja, für Laien, wie wir, ist's das freilich," sagte jene, nichtohne gewisse Bitterkeit im Ton. „Doch, selbst bei der sprich-wörtlich gewordenen Wandelbarkeit des Gesetzes hätte sich doch dasResultat noch anders herausgestellt, wenn sich nicht unversöhnliche,persönliche Feindschaft mit Eigennutz verbunden, und dies beidesnicht durch großen Reichtum und Einfluß einen Hinterhalt undSchutz gehabt hätte, der ohne alle Bedenken angewendet ward."
„Warum hat das aber der König zugegeben?"
„Der König? Gott schütze und erhalle ihn! — der hat nichtsdavon gewußt. Wie sollte er auch? Als die Sache anfing, warer noch ein Kind, und noch jetzt ist er ja sehr jung. Aber erwill das Recht und will königlich handeln und allen volle Gerech-tigkeit widerfahren lassen. Es giebt indes nur einen König, derdie Augen überall hat und alles Böse, wie alles Gute sieht. AusIhn und auf Ihn allein müssen wir blicken, wenn wir Gerechtig-keit begehren."
** „Mütterchen, das muß doch bereits vor meiner Geburt
begonnen haben, denn solange ich denken kann, hat dieser Prozeßstets über unsern Häuptern gehangen, gleich einer schwerenGewitterwolke."
„Es sah auch aus, als sollte er nie ein Ende nehmen. Beiall den Einsprachen und Fürsprachen, all dem Hin und Her vonStreitigkeiten, Vorstellungen und Klagen hüben und drüben, wobeidie Sache fortwährend von einem Gerichtshof zum andern getragenward, wurde sie schließlich zu einem schier unentwirrbar erscheinen-den Knäuel von juristischen Kniffen und Schikanen, und wir meintenschon, es würde nie zu einem Abschluß damit kommen."
„Und nach so langen Jahren des Harrens und Wartens^ dünkt es mich recht hart, grausam, daß die Entscheidung zu jener
Stunde kam. Wäre sie nur noch ein wenig länger ausgeblieben,nur ein paar Monate!"
„Mein Kind, Gottes Wege sind nicht unsre Wege."
„Das ist wahr, Mutter, wir haben eben nur still zu sein,wie Du schon sagtest."
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