Ihre Mutter schwieg ein Weilchen, dann sagte sie in sinnen-dem Tone, liebevoll über ihres Kindes Scheitel streichend: „Damitmeinte ich, daß es Wege giebt, wo wir Ihn nicht verstehen können,und in die wir uns schweigend zu schicken haben, da wir wissen,Er ist heilig und gerecht. Aber mitunter läßt Er sie uns doch ver-stehen, läßt uns gleichsam in Sein Geheimnis hineinblicken; danntrauen wir Ihm nicht bloß, sondern wir wissen auch und sehenein, und das hilft uns, da zu trauen, wo wir nicht einsehenkönnen. Anfangs erschien es mir freilich, wie jetzt Dir, höchstschmerzlich und bitter, daß die lange über uns schwebende Wolkesich gerade da entlud, als Dein Vater auf dem Sterbebette lag.Mein Herz hat laut aufgeschrieen vor Pein. „Wäre ihm dochdies erspart geblieben, dieser bittere Kelch; wie gern, ja mitwahrer Freude würde ich ihn dann bis auf die Hefen leere»!"So rief ich oft."
„Ach Mutter, ich weiß noch wohl, wie die Nachricht kam;nie werde ich den Tag vergessen! Brachte ich Dir doch diesesSchreiben selbst und sah Dein Gesicht, während Du es lasest."
„Die Versuchung lag mir hart genug an, es ihm zu ver-heimlichen; für mich zu behalten, was uns darin mitgeteilt ward.Doch ich wagte es nicht, da er mich fortwährend fragte, was fürBriefe eingelaufen wären, und eine Lüge hätte ich nimmer sagenkönnen."
„Wäre das aber wohl unrecht gewesen in diesem Falle,Mutter? Darüber habe ich damals viel nachgedacht, obschon ich'sDir nicht sagen konnte."
„Meine Tochter, in Port Royal bin ich nicht also gelehrtworden. Die gottgehciligtcn Frauen dort, denen ich alles, was ichvon wahrer Religion habe, verdanke, haben sich, selbst als Se.Heiligkeit der Papst es ihnen gebot, geweigert, eine Unwahrheitzu sagen. Und ich habe Ursache, Gott für solche Lehren undVorbild zu danken. Wieviel ich Dir nun von Deinem Vatersagen soll, liebe Tochter, weiß ich nicht recht. Doch etwas weißtDu bereits von dem, was in den beiden letzten Monaten in ihmvorgegangen ist."