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doch stand's bei ihr sofort fest, daß sie daraufhin Schritte zuthun habe, und das um so mehr, als ihr ein stetig im Wachsenbegriffenes Gefühl der Schwäche, häufiges Kopfweh und Schwindelund bedenkliches Schlagen des Herzens ein Vorbote zu sein schien,der ihr sagte, ihre Zeit zuhandeln sei möglicherweise recht kurz be-messen. Was konnte aber schrecklicher sein, als der Gedanke,Genevieve schutzlos und allein in der Welt zurückzulassen, auf die„Liebe und Güte" der Witwe Manin angewiesen? Der einzigein dieser Residenzstadt, den sie mit einigem Aufwand von Ein-bildungskraft ihren Freund nennen konnte, war der Priester, derfür sie damals die Wohnung besorgt, und der, wen» auch nicht desguten Willens, doch des Vermögens, Beistand zu leisten, ermangelte.War, er doch nicht bloß sehr arm und mit Amtspflichten ganz über-bürdet, sondern auch mehr oder minder an Findigkeit und That-kraft bar/ das Leben, das sich bei ihm in der Erfüllung einessteten Kreislaufs von durch solch beständig Wiederholen mechanischgewordenen Pflichten abnutzen mußte, hatte jene Eigenschaften,wenn er sie überhaupt besessen, an ihm vergehen und ersterbenlassen.
Über dies alles dachte Madame Montöres nach, als sie durchdie schlechtgepflastcrten, unebenen Straßen des alten Paris wanderte.Aus der engen Gasse, in der die Witwe Manin lebte, wiederheraustretend, fand sie sich in der Rue St. Jacques, von wo siedirekt auf den Place Royale zuschritt und endlich vor einem statt-lichen Thorweg stand, über welchem die in Stein gehauenen Wappender Graffonts sichtbar waren. Das Thor war verschlossen undverriegelt/ indes nicht weit ab davon sah sie ein unscheinbaresPförtchcn in der Blauer, an das sie, in der Hoffnung, jemandin Hörweite zu finden, bescheiden anpochte.
Sie hatte Glück; denn siehe da, die Thür that sich auf, undvor ihr stand nicht irgend einer der Untergebenen, sondern einHerr, der augenscheinlich ein Kavalier war, doch die Zeichen tieferTrauer an sich trug. Er wollte offenbar ausgehen und trat einpaar Schritte zurück, als er sie vor sich sah.
Sie aber erkannte sofort jenen „ersten Kavalier" des Herzogs,der vor drei Jahren ihr Gast gewesen und ihren Eduard nach