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Geschichte des Armenwesens im Kanton Bern von der Reformation bis auf die neuere Zeit / im Auftrage der bernischen Armendirektion dargestellt von Karl Geiser
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bemerkt, lässt sich zu Stadt und Land eine grosseArmut und ein nicht geringer Geldmangel verspüren,so dass zu befürchten ist, man werde die unzählbareMenge der Armen bald nicht mehr erhalten können.Und doch fliessen dem Landmann bei den gegenwär-tigen Kriegszeiten erkleckliche Summen aus dem Aus-land zu für Milchprodukte, Mastvieh und besondersfür Pferde. Wenn aber einmal der Frieden in Europawieder hergestellt ist, dann wird die Ausfuhr wiederaufhören und das Land in kurzem ganz erschöpftsein. Dann ist, wie es im Gutachten heisst, zu besor-gen, dass der geldbedürftige Bürger, der bisher ausdem Ertrag seines Zinsrodels reichlich gelebt, densaumseligen Landmann wegen der ausstehenden Zinsebetreiben und nach der Schärfe des Rechtes von sei-nem Unterpfand verstossen wird. In diesem Falle mussentweder der Herr selbst ein Bauer werden, oder dasLand wirdzum höchsten Nachteil dieser populosonWelt unbebaut bleiben, und der Bauer gezwungensein, dem Almosen nachzugehen. Dies kann aber nichtsanderes als Verzweiflung und böse Anschläge nachsich ziehen, so dass die Obrigkeit von ihren Unter-thanen nichts Gutes zu erwarten hat. (Man wusste diesnoch sehr gut vom Bauernkrieg her.) Die Kommissionhat nun in einer Reibe von Sitzungen den Ursachen,so die zu Stadt und Land verspürende Armuth undGeldmangel causiren nachgeforscht. An der Verarmungder Landbevölkerung speciell sollen nach dem Berichtfolgende Thatsachen schuld sein:

1. Erstlichen die vielfältige Multiplication der Gült-briefen,da bald kein Pliitzlein Härd mehr im Land,das nit zwey oder dreyfach versetzet-. Dadurch werdefast alles Geld von dem Land in die Stadt gezogen