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das Almosen zu teil werde. Nachgerade sei es jaso weit gekommen, dass sich niemand mehr schäme,dem Bettel nachzugehen. Yiele machen geradezu einGewerbe und Handwerk daraus und ergeben sich demMüssiggang, der ein „Küssi des Satans“ sei, sorgenallein für ihren Bauch, treiben sich in Wirthshäusernund Kellerhälsen herum und schneiden den wirklichDürftigen das Brod vor dem Maul ah etc. In einemandern Schreiben heisst es, dass sich eine Mengekräftiger Leute so an Müssiggang und Faulenzereigewöhnt haben, dass sie weder um den gewöhnlichen,noch um doppelten Lohn irgend eine Arbeit verrichtenwürden.
Dass nicht nur die Not zum Bettel trieb, sondernauch die guten Zeiten eine Vermehrung des Betteinsmit sich bringen konnten, beweisen die Jahrgänge 1631und 1632, wo die Kornpreise bedeutend niedrigerstanden als vorher und nachher und auch der Weinsehr billig war. Gerade diese Jahre zeigen eine solcheVermehrung der Liederlichkeit, dass sich die Obrig-keit genötigt sah, mit aller Strenge dagegen einzu-schreiten und zu diesem Zwecke das Schallenwerkwieder einzuführen. Bei diesem Anlass wurde vonallen Kanzeln ein Schreiben des Rates verlesen, welchesuns ein sehr drastisches Sittenbild aus jener Zeit giebt.So lautet z. B. die Einleitung: „Es ist menklichembekannt und wird durch die tegliche Erfahrung be-züget, dass nunmehr ein Jeder zu Stadt und Landsich des Müssiggangs und Büttels behelfen will, ob-wohl er Lybsstcrke und Gsundheit halber sich unddie Synen mit ehrlicher Handarbeit und dem Schweisssines Angesichts nach dem Wort und Befehl Gotteswohl fürbringen und ernehren könnte. Us demselben,als dem Rulieküssi des Tiifels fliessen allerlei böse