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Gottlieb von Jenner (1765-1834) : Denkwürdigkeiten meines Lebens / herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Eugen von Jenner-Pigott, Fürsprech und Mitglied des histor. Vereins des Kantons Bern
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gericht solle die Sache nach Vorschrift der Verfassung undder Gesetze untersuchen und beurtheilen.

Laharpe hatte sich aber jeder Untersuchung durch dieFlucht nach Paris entzogen. Hier war mir aber dieser Sachewegen nichts weniger als wohl zu Mutlie. Der Umstand,dass in dem Machwerke vonLv. 50,000 in Beziehung aufTalleyrand die Rede war, konnte mir in Hinsicht meinerVerbindung mit dem Minister keineswegs gleichgültig sein.Daher verfügte ich mich gleich nach dem Empfange der dieNachricht der Sache enthaltenden Depesche zu ihm und legteihm ohne Ausnahme alles, was ich aus der Schweiz darübererhalten hatte, vor. Er warf einen Blick auf die Abschriftdes Briefes, und sagte mir troken : «Cela ne me regarde pas.»Auf meine Bemerkung, dass dem ersten Consul doch wohlGedanken darüber aufsteigen möchten, und die beigefügteFrage : Oh es nicht gut wäre, wenn ich selbst zu dem Consulmich begäbe, um ihm die Sache anzuzeigen? antwortete erganz kurz : «Si vous y allez, montrez lui le tout au premierabord.»

Auf diese Aeusserung hin verfügte ich mich nach denTuilerien und wurde sogleich bei dem ersten Consul vor-gelassen. In Gegenwart von Cambacérès und anderer Personenlas er den Brief und spazierte der Länge des Saales nach,auf und ab. «Cest trop bête», 50,000 Pfd. rief er endlich,und Cambacérès bemerkte : «ce nest pas nouveau ; cela sontles factions.» Nun wurde Talleyrand berufen, und der ersteConsul begab sich mit ihm ins Cabinette. Ich blieb unter-dessen im Conferenzsaale, wo ich wegen mehrerer möglicherFälle besorgt, harrte. Nach dem Wiedereintritte des Consulsfragte ich um Bescheid, und erhielt zur Antwort : «Talleyrandvous parlera demain.»

Ich ging den folgenden Tag zu letzterem und erhielt aufmein Anfragen das frühere kalte : «Cela ne me regardenullement» zum Bescheid ; und von den vorgelegten Schriftenso wie von der ganzen Sache vernahm ich kein Wort weiter.