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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin.

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Die Königin Julie/ immer bettlägerig und ohne irgend welche Verbindung, kannuns nur helfen durch ihr Wohlwollen und ihre Sanftmut. Wir aßen heute bei ihr.Ihre Schwester, Frau v. Villeneuve ist eine gute, dicke Mutter, welche den Verlust einesgeliebten Sohnes und eines angebeteten Gatten zu ewiger Trauer verurteilt. Die einzigeTochter, die ihr bleibt, Fräulein Juliette, ist eine geistreiche, verdienstvolle Person, die wederhübsch noch häßlich ist, ihre Haare schlecht trägt und deren mageres Gesicht der Königinmißfällt. Die Prinzeß Charlotte" ergänzt diesen Kreis, in welchem nur sehr wenig vonder Geschichte des Augenblicks die Rede war; diese Damen haben uns übrigens ihreBitterkeit fühlen lassen, die sie darüber empfinden, besonders gegen den Prinzen Louis,von dem sie argwöhnen, er habe seinen Bruder mit fortgerissen. Sie denken sicherlich,der Prinz Napoleon hätte unter dem Joch seines Vaters und ihres kleinen weiblichenKonzils niemals gewagt, allein solch eine Unbesonnenheit zu begehen.

Hierin täuschen sie sich ohne Zweifel; denn von den beiden Brüdern ist Napoleon der einzige, der durch einen Eid mit den italienischen Revolutionären verbunden ist.Schon mit 15 Jahren war er Carbonaro. Die Ereignisse in Neapel anno 1821 zogendie Aufmerksamkeit auf ihn. Die Neuerer boten ihm eine Rolle an, und das hl. Kollegiumließ merken, daß es ihn fürchte. Der König Ludwig hielt fürs klügste, seine Residenz damalsnach Florenz zu verlegen; aber überall wehen Carbonarilüfte; überall gibt's Patrioten,und der junge Prinz hat nicht aufgehört, seither mit den Toskanern zu konspirieren,wie er zuvor mit den Römern konspiriert hatte.

Wir vernehmen, der Prinz August von Leuchtenberg sei nicht auf den Thron von Belgien gerufen worden; dieser Königsthron ist dem Herzog von Nemours" angeboten worden.Die Abstimmung der Belgier fand am 7. Februar statt; sie war am 17. in Rom be-kannt, und wenn wir es erst hier vernommen haben, so war der Lärm unserer Abreiseschuld daran. Man denkt, Europa werde gegen die Annahme des Herzogs v. Nemourssein Veto einlegen und bevor er deshalb einen Krieg riskiere, werde Louis Philippe nach-geben. Die übrigen Geschwätze von Florenz haben Bezug auf unsere Prinzen. Mansagt, sie seien, nachdem sie über Perugia hinausgekommen, in Spoleto inmitten derInsurgenten, und bereiten sich vor, auf Rom zu marschieren. Die Königin klammertsich noch an die Hoffnung, sie werden über Perugia nicht hinausgekommen sein, sondernvon da zu ihrem Vetter, Rasponi in Ravenna gegangen sein oder nach Bologna zu ihremOnkel Bacciochi. Ein Brief aus dieser letzter« Stadt meldet, daß man sie dort erwarte.Die Person, die schreibt, verlangt Empfehlungsbriefe für sie.

Florenz , Freitag 2S. Februar.

Der zu den Prinzen gesandte Kurier ist am Mittwoch abend zurückgekommen mitBriefen von ihnen so leer und knabenhaft, daß es zum Weinen ist. Ihre Pferde sindausgerissen; ihr Wagen ist zerbrochen; der Prinz Napoleon hat seine Hosen an denKnien zerrissen. . . Aber der Kurier des Königs hat den Leuten der Küche anderesberichtet: der Prinz Napoleon diktiert Briefe, gibt Befehle und wird bald das Hauptder Insurrektion sein.

' Marie Julie Clary aus Marseille , die Gemahlin Josephs, des ältesten Bruders Napoleons I.,Exkönigin von Spanien 1809—13. Sie starb I64S.

' Die Gattin des Prinzen Napoleons , des ältern Sohnes der Hortense, eine Tochter Josephs.

° Der zweite Sohn Louis Philippes, Louis geb. 1814, gest. 1896, vermählt 1840 mit Viktorlavon Koburg-Gotha.