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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin.

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Fabvier wird sich nicht kompromittieren, zu tun, was die Herzogin von Friaul sich erlaubt haben würde. Ihre Abreise wird in dem Herzen der Königin eineschreckliche Lücke zurücklassen. Der General wäre dem Prinzen auch sehr not-wendig. Ich klatsche mit beiden Händen Beifall zu den weisen Ratschlägen, die erihm gibt, wie z. B., den Dingen den Lauf zu lassen und jedesmal, wenn ihm einpolitischer Versucher einen Schritt entgegenkomme, zwei Schritte rückwärts zugehen.

Mittwoch, 15. Juni.

Ein Umstand, der mich aus der Fassung bringt, ist, daß Herr von Flahaut,!indem er ihr über die^erren Devaux Auskunft gibt und befürchtet, sie sei inGeldverlegenheit, der Königin einen Kreditbrief sendet. Ich hatte das Geldsofort in der Cit6 erhoben und bei der Rückkunft die Königin ganz glücklichgefunden über den Besuch des Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg.2 DerPrinz scheint die Wahl vom 4. Juni, die ihn zur Leitung der neuen belgischenMonarchie beruft, für definitiv zu halten. Beim Weggehen hat er der Königin,die eben von ihrer Absicht, über Brüssel nach Arenenberg heimzukehren, ge-sprochen, zur Antwort gegeben:Ich hoffe, Sie werden mir beim Durchpas-sieren mein Königreich nicht mitlaufen lassen." Diese Bemerkung zeigt, mitwelcher Leichtigkeit die Gerüchte von Paris nach London gelangen und mitwelcher Hartnäckigkeit sie sich im Umlauf halten. DerTemps" hatte zuerst dieBehauptung aufgestellt, die Königin sei hierhergekommen, um wegen den Brüs-seler Angelegenheiten zu intrigieren; man erinnert dabei, daß sie Königin vonHolland war und durch Jdeenassoziation gelange man von Holland nach Belgien .

DerCourricr de Paris" will wissen, sie schicke sich an, die Meerenge zupassieren und König Joseph werde in London erwartet. DieGazette de France "und derGlobe" verkündigen, sie sei seit vier Tagen in Paris und halte sichin Erwartung der Ereignisse verborgen. Ein Brief der Frau von Flahaut anLady Grey versicherte vor einigen Tagen, die nämliche falsche Nachricht sei inder Vorstadt St. Germain im Umlauf. Mau hätte darin eine Anzettelungder Herzogin von Berry sehen können, wenn diese Fürstin nicht so dummwäre. Deun sie hat sich über die Schritte der Königin äußerst neugieriggezeigt, so sehr, daß sie sogar von Bath nach London gekommen ist, um mitihren Agenten zu konferieren.

Sei dem wie es wolle, die Königin hat den Prinzen Louis gedrängt,seine vorbereitete Berichtigung an denTemps" noch heute einzusenden undwir haben sie mit ihm durchgesehen. Er war seit heute morgen leidend aneiner Art Leberanschoppung, deren Geschwulst sich bis auf die Oberschenkelausdehnte. Warme Ueberschläge, die man ihm applizierte, zwangen ihn, dasZimmer zu hüten, hinderten ihn aber nicht, den gefährlichen Mirandoli zuempfangen. Ich schreibe hier seinen Brief ab für den Fall, daß er nicht imTemps" erscheint: London , den 17. Juni 31.

Ich lese in Ihrem Blatte vom 18. Juni den folgenden Artikel:

Die Frau Herzogin von St. Leu wohnt seit mehreren Wochen in London

' Vgl. hierüber in Schriften. XIV, 139. ' Der spätere König von Belgien .