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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Erkönigin.

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Eines Abends, als die Lektüre von „Malvina" sie auf das Gebiet derHerzensangelegenheiten brachte, hat sie einige der Männer genannt, die sichin ihrer Jugend um sie bewarben, die meisten weniger aus Liebe als zu demZweck, durch sie emporzukommen. Ein junger Vendeer, namens Charette, einVetter des berüchtigten Parteigängers des Legitimismus, war ernstlich in sieverliebt. Es war ein prächtiger Mensch, der aber frühe an der Schwindsuchtgestorben ist. Herr von Brack hat sie kompromittiert, ohne daß sie eine Ahnungdavon hatte, wie er alle Frauen, denen er sich näherte, bloßzustellen liebte.Als er die Kühnheit gehabt, ihr seine Liebe zu erklären, sei er stark abge-kühlt worden, durch die ruhige Art, mit der sie ihm zugesprochen habe. DieKönigin habe immer geglaubt, wenigstens seine Freundschaft sich bewahrt zuhaben. Sie hat dann noch erzählt, sie hätte eine heftige Leidenschaft einemMannei eingeflößt, weil sie einer Frau glich, die dieser einst geliebt. Diesmalnannte sie aber keinen Namen, und ich hütete mich wohl, mehr wissen zuwollen, und namentlich den Schein zu erwecken, als ob ich glaube, sie habemir nicht alles gesagt.

Um ihre Augen zu schonen, sind der Prinz und ich übereingekommen,einander mit Vorlesen abzulösen. Aber, während wir sie von ihren düsterenGedanken abziehen und sie zu besserem Humor zu bringen beabsichtigten, habenwir nichts anderes erreicht, als daß wir ihr ihre Einsamkeit und ihre Untätigkeitnoch mehr zum Bewußtsein brachten. In Ermangelung der großen Welt, diesie liebt und deren sie nicht entraten kann, haben wir sie in einem jenerhübschen kleinen Vierplätzer, die man Fliegen nennt, und die von Pferdchenwie Ratten so klein, gezogen werden, spazieren geführt.

Die unbehagliche Stimmung, an der sie leidet, macht, daß sie beständignach außen strebt um sich selbst zu entfliehen: sie will ein Schloß, eine Kirche,eine Ruine sehen, und kaum ist sie dort, so hat sie genug davon; ein flüchtigerBlick hat ihr genügt, und sie beeilt sich, wieder fortzukommen, und weiß dochnicht, wo sie nun noch hingehen könnte. Sie hat den Mut so sehr verloren,daß sie nur für große Anlässe sich selbst wieder findet.

Im gewöhnlichen Leben zeigt sie zuweilen, oder besser gesagt, läßt sienur -erraten, so sehr ist sie gewohnt sich zusammenzunehmen, Anfälle vonUngeduld, die ihr Sohn aufmerksam wahrnimmt und mit Sanftmut entwaffnet.Sie gibt sich auch kindischen Befürchtungen hin, die ihn ärgern, denen zuwidersprechen er aber sich wohl hütet. Zum Beispiel, als wir von den „HighRocks" zurückkamen, wurde ein reizender Weg, den wir eingeschlagen, verlassenwegen eines Gewitters, das die Königin kommen sah, das aber nie kam. Einöder Weg durch Gebüsch hat uns durch eine Wüstenei geführt und uns aufdieselben melancholischen Gedanken gebracht, die sie erfüllten.

Am 17. haben wir das Hotel Kentish verlassen, um uns in einem kleinenHause einzurichten, und bald strömten die hiesigen Bekannten herbei. Diebedeutendste unter ihnen, die „Königin von Townbridge", ist Lady Tighe,die Mutter der Lady James Stuart . Sie ladet die ganze Nachbarschaft zu

' Gemeint ist offenbar Flahaut, der Vater des Prinzen; siehe oben Seite 27.