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10. Das betende Kind.
Therese, eine arme Witwe, sprach eines Morgenszu ihren fünf unerzogenen Kindern: „Meine lieben Kinder,ich kann euch diesen Morgen nichts zu essen geben.Ich habe kein Brot, kein Mehl, kein einziges Ei mehrim Hause. Ich habe immer so viel Arbeit mit euch,dass ich fast nichts verdienen kann. Bittet doch denlieben Gott, dass er uns helfe; denn er ist ja reich undmächtig und sagt ja selbst: „Rufe mich an in der Kot,so will ich dich-erretten.“
Der kleine Christian, welcher kaum sechs Jahre altwar, machte sich nüchtern und sehr betrübt auf denWeg in die Schule. Er kam an der offenen Kirchen-türe vorbei, ging hinein und kniete vor dem Altarenieder. Da er niemanden in der Kirche sah, so beteteer mit lauter Stimme: „Lieber Vater im Himmel! wirKinder haben nichts mehr zu essen. Unsere Mutter hatkein Brot und kein Mehl mehr, nicht einmal ein Ei. Gibuns doch etwas zu essen, damit wir nicht samt unsererlieben Mutter verhungern müssen. Ach ja, hilf uns!Du bist ja reich und mächtig und kannst uns leichthelfen. Du hast es uns ja versprochen. Gewiss, duwirst auch Wort halten.“ So betete Christian in seinerkindlichen Einfalt und ging dann in die Schule.
Als er nach Hause kam, erblickte er auf dem Tischeeinen grossen Laib Brot, eine Schüssel voll Mehl und einKörbchen voll Eier. „Nun, Gott sei Dank!“ rief erfreudig; „Gott hat mein Gebet erhört. Mutter, hat einEngelein dieses alles zum Fenster hereingebracht?“„Nein,“ sagte die Mutter, „aber Gott hat dein Gebetdennoch erhört. Als du am Altare betetest, kniete dieFrau Amtmännin in ihrem vergitterten Kirchenstuhle.Du konntest sie nicht sehen; aber sie hat dich gesehenund dein Gebet gehört. Deshalb hat sie uns diesesalles geschickt. Sie war der Engel, durch den uns Gott