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Thomas Scherr im Thurgau / von Dr. Albert Leutenegger
Entstehung
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154
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Thomas Scherr

land und dann auch noch die zweite Heimat verloren hat, findetnicht leicht eine dritte. Und noch ein anderes Hindernis stelltesich Scherrs Einleben in die thurgauischen Verhältnisse in denWeg: Er brachte es nicht über sich, seine Beziehungen zumKanton Zürich preiszugeben. Wohl nahm er sich nach eigenemGeständnis zeitweilig vor, mit der Vergangenheit ganz zubrechen und selbst zu vergessen, daß er Schweizer gewordensei. Aber die vielleicht auch nie ernsthaft unternommenenVersuche gelangen nicht. Den Thurgau zwar konnte er vor-übergehend aus den Augen verlieren, nie aber den KantonZürich . Ließ er sich gehen, so wanderte seine Seele an dieStätten erster Wirksamkeit und ersten Ruhmes zurück. Diesalles entging natürlich der thurgauischen Umgebung nicht, undes ist einleuchtend, daß eine derartige Wahrnehmung nur imSinne der Entfremdung wirken konnte. Uebrigens war auchScherrs Arbeitsweise nicht in beiden Lebensabschnitten dienämliche. Edle Begeisterung, Hingebung und wirkliche Größekennzeichnen seine Tätigkeit im Kanton Zürich ; was er imThurgau tat, war glänzende, aber bewußte Pflichterfüllung.Sein Wirken im thurgauischen Dienste glich dem kalten Lichte:es erleuchtete bloß und wärmte nicht. Ueberhaupt muß manrückhaltslos zugeben, daß Scherr für Zürich mehr bedeutete,als für den Kanton Thurgau . Die Tatsache, daß er sieben-undzwanzig Jahre auf der obern Hochstraße gewohnt hatund nur siebzehn in Zürich , Küsnacht und Winterthur zu-sammengenommen, vermag hieran nichts zu ändern. Die Zeittritt eben in diesem Falle zurück hinter das Werk. Aber dies hindertnicht, Scherrs hohe Bedeutung auch für den Thurgau anzuer-kennen. Die thurgauische Schule hatte nie einen überzeugterenFreund und Gönner, die Lehrerschaft zu keiner Zeit einen bessernAnwalt, als Scherr es gewesen ist. Und die Gesamtheit war ihm zuDank verpflichtet, weil er allzeit mannhaft und ehrlich fürBildung, Freiheit und Rechte des Volkes einstand.

Scherr hat auch im Thurgau nicht umsonstgelebt; die thurgauische Geschichte wird sein An-denken in Ehren halten.