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Geschichte der deutschen Literatur in der Schweiz / von Jakob Baechtold
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683
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Die neue Zeit.

Zufall, bis Samstag Morgens nach 11 Uhr Herr Inspektor Simlcrmir die betrübte Nachricht brachte." Und am 20. Dezember:Ichhabe mich selbst dispensirt, der Bestattung beizuwohnen, weil ich meineThränen nicht zur Schau geben wollte. Altcrsbcschwerdcn erlaubtenes auch nicht. Ich selbst gebe meinen aufrichtigsten Freunden die Er-laubniß, mich unbeglcitet in das Grab senken zu lassen und wennman mich in meinem Rcbcnbcrg begraben wollte, so weiß ich, daßdie Erde über mir mich nicht drücken würde und mehr Blumen würdenauf meinem Hügel wachsen als unter einem Marmorstcin hervor."Wehmütig gedachte er der lang entschwundenen Zeit, da sie all-sommerlich in Trogen bei Freund Philoklcs dieSchotte" getrunken,als die wahrenTrogistcn und Schottländcr" wie er seine Ge-sellschaft einmal nennt oder an heiteren Sommcrabcndcn regel-mäßig nach vier Uhr auf ihremMuscnplatz" zwischen Minimal undSihl oder auf dem Lindcnhof, umgeben von Freunden und Schülern,unter lehrreichen Gesprächen lustwandelten.

Der Zurückgebliebene machte vor Torschluß mit alten Feinden Frieden.Er söhnte sich mit den Herausgebern derAllg. deutschen Bibliothek",mit Chr. Felix Weiße, der ihm ehrliche Worte schrieb, und mit Nicolai,dessenNothanker" er in sein Herz schloß, aus.Ich glaube sicherantwortete ihm Weiße am 2. April 1777 in meinem Leben wenigBriefe erhalten zu haben, die mir ein so unaussprechliches Vergnügenverschafft haben, als der Ihrige, vcrchrungswürdigstcr Greis! Ewig, ewigwerde ich unserm ehrlichen Matthüi Dank wissen, daß er Ihremedlen Herzen allen nachtheiligcn Argwohn in Ansehung des mcinigenbenommen. Dieses (so viel kann ich mit Zuversicht behaupten,) istniemals fähig gewesen, gegen irgend einen lebenden Menschen einenGroll zu hegen, geschweige gegen einen Alaun, den ich wirklich vonmeiner ersten Kindheit an als einen Vater unserer guten ächten deutschenLitteratur, was das Wesentliche betrifft, verehret habe. Daß es mirein wenig weh gethan, eines solchen Mannes Achtung nicht zu haben,dessen freundschaftliche Liebe ich mir sogar gewünscht hätte, das willich nicht läugncn; vielleicht war aber von meiner Seite auch einejugendliche Unbcdachtsamkcit Schuld; indessen hätte mich doch niemalsJemand dahin bringen können, so wenig es bei solchen Gelegenheitenan Aufwieglern fehlet, gegen Sie, theuerster Mann, nur Eine Bitterkeitauszuschütten, und wenn dergleichen von andern geschehen ist, so ge-schah es gewiß wider mein Wissen und init meiner äußersten Un-zufriedenheit. Die Freundschaft zwischen mir und Klotzen hat sehrkurz gedauert, oder ist vielmehr nie eine gewesen. Mein vielleicht zuoffenes Herz ergriff anfänglich seine zudringlichen Ancrbietungen mit