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Die Schweiz als Industriestaat / von Dr. Emil Hofmann, Nationalrat in Frauenfeld
Entstehung
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die Jndiennedruckerei in Lenzburg und 49 Jahre später im Fürstentum Neuenburg aufgenommen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts beganndie aargauische Strohindustrie im Breisgau, Schwarzwald und Schwaben Absatz zu gewinnen. Die schweizerische Uhrenindustrie ist ebenfalls schonJahrhunderte alt. 1587 ließ sich Charles Cusin, aus Anbin im Burgund ,als Uhrmacher in Gens nieder. Im Kanton Neuenburg bürgerte sich dieUhrenindustrie erst im 17. Jahrhundert ein, um sich in merkwürdigerRaschheit in den dortigen Bergen zu entfalten. Die Terrain- und Anbau-verhältnisse dieser Gegend waren wie gemacht für diese Industrie. Infolgeder Bevölkerungspolitik der Lehensherren des Landes wurden die Wändeder Juraberge mit einer Reihe zerstreuter Wohnungen bedeckt. Bor derEinführung der Spitzenindustrie und der Uhrenfabrikation war ein Teildieser Bergbewohner gezwungen, während des Sommers in den an-grenzenden Ländern Arbeit zu suchen. Kein Wunder, daß die Ein-führung der Uhrenindustrie für diese Leute wie eine Erlösung wirkte,das in der Bevölkerung schlummernde mechanische Talent zum Lebenweckend.

Daher ist der schweizerische Gewerbefleiß älter oder mindestens ebensoalt als der in den begünstigsten Verkehrszentren Deutschlands , so altals derjenige Augsburgs, Nürnbergs , der rheinischen Städte, und älterals der Sachsens und der Hansastädte. Die Seidenweberei der Schweiz ist älter als diejenige Lyons, die schweizerische Baumwollmanufakturälter als die englische.

Die Bedeutung des Alters einer Industrie ist unbestritten. Siebedeutet Konzentration der Kapitalien für industrielle Zwecke, industrielleErziehung eines Stammes von Arbeitern, Übung des geschäftsmännischenBlicks, Ansporn des Unternehmungs- und Erfindungsgeistes.

Als dann jenseits des Kanals die Fortschritte der Technik, dieArbeitsmaschine, die Dampfenergie und das Gußeisen sich das Feld er-oberten und ihren umwandelnden, zerstörenden und aufbauenden Sieges-zug über den Kontinent antraten, als auf dem Gebiete der Chemie undPhysik eine Erfindung die andere drängte, war die Schweiz wohlvorbereitet.Neben einem Heere geschulter Arbeiter verfügte sie über einen erfahrenenHandelsstand, der die veränderte Situation rasch zu benützen verstand,trotz der innern und äußern Wirren, der sie berührenden und umtobendenKriege, der natürlichen und künstlichen Verschiebungen der Absatzverhältnisse.Die kaufmännisch-spekulative Leitug der Fabrikation und die Vereinigungder produzirenden und der vermittelnden, spekulirenden Tätigkeit war zurTatsache geworden. Die Verschmelzung von Fabrikation und Handel,welche persönlich dadurch dargestellt wurde, daß im Geschäftsleben eine