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Die Schweiz als Industriestaat / von Dr. Emil Hofmann, Nationalrat in Frauenfeld
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neue Figur, der Fabrikant, auftrat, hatte sich in der Schweiz wie inEngland schon im 18. Jahrhundert vollzogen.

b) Die Entwickelung der Industrie bis heute.

Am größten war diese Umwälzung in der Spinn- und Gewebe-technik. Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts war die Verarbeitungder Waitrmvoüe, welche namentlich in der Ostschweiz einen der wichtigstenErwerbszweige bildete, unter dem Einfluß der in England sehr stark ent-wickelten mechanischen Spinnerei in eine schwierige Lage geraten. Darumbemühten sich mitten in den kriegerischen Wirren zu Anfang des 19. Jahr-hunderts einsichtige Männer, die mechanische Spinnerei auch bei unseinzuführen. Die Aufgabe war nicht leicht. Schon im Sommer 1801,ungefähr 30 Jahre nach Erfindung der Spinnmaschine, wurde dieerste mechanische Spinnerei in der Schweiz in Betrieb gesetzt. Dannschössen eine Menge kleiner, mangelhaft ausgerüsteter und betriebenerSpinnereien als Anhängsel von Mühlen oder auf verfügbaren Dachbödenwie Pilze aus dem Boden hervor. Das unrühmliche Ende der meistenderselben ist bekannt. Aber schon in den dreißiger Jahren beherrschtendie schweizerischen Spinnereien das inländische Absatzgebiet nicht bloßhinsichtlich des Bedarfs an grobem Gespinnst, sondern hatten auch diemittelfeinen englischen Garne vom schweizerischen Markte verdrängt undmachten denselben im Auslande erfolgreiche Konkurrenz. An der erstenWeltausstellung in London im Jahre 1851 erschien dann die schweizerischeSpinnerei als qualitativ ebenbürtige Rivalin der englischen. In denfünfziger Jahren kamen die Selbstspinner auf und stieg die Zahl derschweizerischen Spindeln auf über zwei Millionen. Das war dieZeit, wo das schweizerische Garn überall gesucht war und sich vonJahr zu Jahr steigenden Absatzes erfreute und wo behauptet werdenkonnte, daß kein Faden Garn unverkauft bliebe, auch wenn die schwei-zerische Industrie die eigene Verarbeitung im Lande nicht für vorteil-hafter hielte.

Zollerhöhungen, Wechsel der Mode und die wachsende Konkurrenzdes Auslandes begannen dann die schweizerische Baumwollspinnerei schwerzu schädigen. In den siebziger Jahren mußten die schweizerischen Fein-spinnereien infolge des Rückgangs der Feinweberei sich für die Produktionder mittleren Garnnummern einrichten. Die Grobspinnerei begegnetegleichfalls bedeutenden Absatzschwierigkeiten, so daß man leider annehmenmuß, die schweizerische Baumwollspinnerei habe ihre besten Zeiten schonlängst hinter sich.