Buch 
Die Schweiz als Industriestaat / von Dr. Emil Hofmann, Nationalrat in Frauenfeld
Entstehung
Seite
35
JPEG-Download
 

35

Landwirtschaft, teilweise half sie den Umschwung in der Produktions-richtung, wie er infolge der Entwickelung des Verkehrs hervorgerufenwurde, durch Entzug von Arbeitskräften noch beschleunigen. Der Um-schwung in der Produktionsrichtung zeigt mehrere Etappen und vollzogsich nicht ohne Stillstand und Rückschläge, wie aus der folgendenSkizzirung der Entwickelung unserer Landwirtschaft hervorgehen wird.

n) Getreidebau.

Die geringe Entwickelung des Verkehrs und des Handels und diedünngesäete Bevölkerung veranlaßte auch die Bewohner der Gebirgs-kantone, ihr Brot selbst zu bauen und Ackerkultur zu treiben. Mit derEntwickelung der Kultur und dem Dichterwerken der Bevölkerung sahman sich in die Notwendigkeit versetzt, das Getreide aus Gegenden zubeziehen, wo der Ackerbau sicherer und lohnender war. Man verließallmählich den Anbau des Getreides und verlegte sich auf die Produktionvon Käse und auf die Viehzucht. Aber auch in den tiefer gelegenenTeilen machte sich, allerdings bedeutend später und in geringerem Grade,eine ähnliche Umwandlung bemerkbar. Die Versuche der Regierungenund Gesellschaften, den Getreidebau wieder zu beleben, mißlangen voll-ständig. Die eigene Produktion reichte für den Bedarf je länger jeweniger aus. Sogar die Landschaft Waadt führte schon um die Mittedes 18. Jahrhunderts jährlich für rund eine halbe Million alteSchweizerfranken Getreide aus Burgund ein. Die Kantone Zürich undSt. Gallen bezogen damals große Mengen Getreide aus Schwaben undbrachten es auch in andere Kantone.

Die Ablösung der Feudalrechte bewirkte in dieser Entwickelung einenStillstand, indem sie den Getreidebau wieder so belebte, daß noch 1846die innere Produktion den Bedarf des Landes für 290295 Tage deckenkonnte. Es zeigte sich also auf die Gesamtheit der Bevölkerung einRückstand an Getreide für 7075 Tage des Jahres. Immerhin wurdeschon damals rückhaltlos anerkannt, daß die leichten und schnellen Kom-munikationsmittel die Schweiz hinsichtlich ihres Getreidebedarfs bei weitemgünstiger gestellt haben als dies in frühern Zeiten der Fall war, sowiedaß die Empfehlung, in der Schweiz selbst mehr Land mit Getreide an-zupflanzen, nur mit Vorsicht ausgesprochen werden dürfe.

Als dann aber der Welthandel und die Spekulation das Spiel vollendsverdarben, ging der Getreidebau noch mehr zurück. Die Eigenproduktion,welche in den sechziger Jahren noch etwa für 260 Tage ausreichte, genügteMitte der achtziger Jahre nur noch für 157 und Ende der neunziger