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Charaktereigenschaften hinzu, welche dem Schweizer das Auswandern,wenn nicht leicht, so doch nicht allzu schwer machen.
Nicht mit Unrecht wird darum dem Schweizer nachgeredet, daß ervon jeher ein „Loch haben" mußte. Als er nicht mehr als Kriegsknechtin die Fremde ziehen konnte, schnallte er sein Bündel, um als Arbeiter,Unternehmer, Kaufmann rc. in der Ferne sein Brot zu finden. Vonden Nachbarländern übte namentlich Frankreich eine große Anziehungs-kraft aus schweizerische Arbeitskräfte aus. Doch fanden diese ihren Wegauch nach Deutschland , Italien und Österreich und waren schon imvorigen Jahrzehnt circa 150,000 Schweizer in unsern vier Grenzstaatenniedergelassen. In noch höherem Grade lockten den Schweizer die über-seeischen Länder.
Trotzdem hat die Schweiz im Laufe der letzten Jahrhunderte mitBezug auf die Auswanderung keine andere Stellung eingenommen, alsdie übrigen Binnenländer Europas. Hier wie dort haben bald soziale,bald religiöse, bald ökonomische Krisen oder Zustände einzelnen Menschenoder größer» Gruppen Veranlassung zur Auswanderung gegeben. DieAuswanderungsziele sind da wie dort ungefähr die nämlichen, nichtminder wohl auch die Schicksale der Ausgewanderten. Das Verhaltender Staatsbehörden zeigt ähnliche Schwankungen gegenüber den Aus-wandernngslustigen von der scharf betonten Tendenz der Verhinderungbis zu der früher allerdings seltenen Begünstigung.
In den ersten vier Jahrzehnten unseres Jahrhunderts trägt dieAuswanderung einen überwiegend colonisatorischen Charakter wie dieAnsänge aller Auswanderung überhaupt. In jenen Jahrzehnten findenwir aber auch in großem Maßstabe angelegte Versuche, den Pauperis-mus in der Heimat durch Massenauswanderung der Armen zu be-kämpfen. Anfangs der fünfziger Jahre nahm die Auswanderung ausder Schweiz einen vorher kaum je dagewesenen Aufschwung. DerBundesrat bezifferte dieselbe auf je circa 6000 Personen pro 1851und 1852. Für 1854 wurde die gesamte schweizerische Auswanderungauf 15—18,000, also auf nahezu 7°/oo der damaligen schweizerischenBevölkerung geschätzt.
In den sechziger Jahren machte sich wiederum die Befürchtung einerMassenauswanderung namentlich nach Nordamerika geltend. Doch wardieselbe unbegründet. Die Auswanderung erreichte bei weitem nicht diehohen Ziffern der fünfziger Jahre; denn in den Jahren 1868—1873wurden bloß 27,282 Auswanderer, also durchschnittlich 4,547 gleich2,s"/oo der schweizerischen Bevölkerung gezählt. Der Umschwung derVerhältnisse in Nordamerika , der sich 1879 vollzog, während in der