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Die Schweiz als Industriestaat / von Dr. Emil Hofmann, Nationalrat in Frauenfeld
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Schweiz die Verhältnisse in Landwirtschaft und Industrie ungünstigerwurden, führte eine mehrere Jahre andauernde Hausse in der schweize-rischen Auswanderung herbei. Während in den Jahren 18811883 dieZahl der Auswanderer 10,000 überstieg, sank sie in den folgenden dreiJahren um mehr als ein Drittel, hielt sich dann in den Jahren 1887bis 1893 auf der Höhe von 69000, um von da an rasch zu fallen.Seit 1894 wanderten durchschnittlich jährlich nur noch 3,123 Personenaus. Trotzdem sind seit dem Jahre 1871 im ganzen 171,169 Personenaus der Schweiz nach überseeischen Ländern ausgewandert.

Die Tatsache ist entschieden von Bedeutung, daß die Tendenz zurAuswanderung mit dem Überwiegen der Landwirtschaft zunimmt. Dielandwirtschaftliche Bevölkerung liefert beinahe die doppelte Zahl vonAuswandern wie die industrielle, und eine Berechnung ergibt, daß dieletztere beispielsweise in den Jahren 18821885, wenn sie sich in ihremVerhältnisse ebenso stark an der Auswanderung beteiligt hätte, wie dieerstere, statt der Zahl von 9,703, welche sie ausweist, 16,096 Aus-wanderer ausweisen müßte. Es findet somit innerhalb der Schweizer-bürger ein nicht genügender Übergang aus der landwirtschaftlichenBevölkerung in die gewerbetreibende statt.

Die schweizerischen Auswanderer sind weniger Proletarier, als Leute,die etwelchen Besitz mit in die Fremde nehmen können. Wer das nichtglaubt, lese einmal die von unserm Auswanderungsamt jährlich publi-zierte Übersicht der Geldbeträge, welche den Auswanderungsagenten inder Schweiz übergeben worden sind und den Auswanderern am Be-stimmungsorte auszuzahlen waren. Daraus ist zu ersehen, daß derBetrag der den Agenturen einbezahlten Wechselsummen durchschnittlichauf einen Auswanderer rund Fr. 100 ausmacht. Im letzten Jahrzehntdes eben vergangenen Jahrhunderts wurde der Schweiz auf diese Weiseein Betrag von Fr. 4-389,298 entzogen. Zum Verständnis dieser Summeist noch beizufügen, daß dieselbe nur einen Bruchteil des Vermögensrepräsentirt, welches die von den schweizerischen Auswanderungsagenturenbeförderten Auswanderer ihrer neuen Heimat gebracht haben, nämlichden in Wechseln auf überseeische Plätze angelegten und diesen nicht einmalganz, indem viele Auswanderer ihre Wechsel nicht bei den Agenten,sondern bei Bankhäusern kaufen. Ferner ist in jener Summe das Bar-geld nicht inbegrisfen, das die Auswanderer auf sich tragen. Endlichmuß erwähnt werden, daß auch das Gepäck der Auswanderer einennicht zu unterschätzenden Wert repräsentirt, daß vielen erst später Erb-schaftsbetreffnisse zufallen, sowie daß der Erlös verkaufter Liegenschaftennicht immer bei der Abreise des Auswanderers liquid ist.