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Die Schweiz als Industriestaat / von Dr. Emil Hofmann, Nationalrat in Frauenfeld
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während die gewerbliche und industrielle Bevölkerung verhältnismäßigum so mehr zunimmt, je weniger sie mit der Landwirtschaft gemischtvorkommt und sogar in den Gegenden, in welchen die Landwirtschaft amstärksten überwiegt, eine Abnahme erfährt. Diese Bewegungen habenzur Ziol'ge, daß die gewerblichen Gegenden noch gewerblicher unddie landwirtschaftlichen Gegenden noch ausschließlicher landwirt-schaftliche werden.

Dadurch wird die Teilung der Arbeit nicht nur eine persönliche,sondern auch eine solche zwischen den verschiedenen Gegenden. Immerhinwaren bei der vorletzten Volkszählung von sämtlichen 182 politischenBezirken der Schweiz nahezu die Hälfte, nämlich 89 solche, in denenwenigstens 50 o/o der Bevölkerung der Landwirtschaft angehören. Dievorwiegend landwirtschaftlichen Gegenden liegen größtenteils in den Alpen und Voralpen und werden seltener, je mehr man in die Ebene hinunter-steigt. Doch ist auch der größere Teil der nördlichen Landesgrenzcn,nämlich derjenige vom Untersee bis Rheinfelden ununterbrochen vonBezirken besetzt, deren Bevölkerung vorwiegend der Landwirtschaftangehört.

Aus dem Umstände, daß die Erwerbsverhältnisse in dem immer-hin ausgedehnten Gebiete vorwaltend landwirtschaftlichen Charakters nichtmehr in dem gesamten Ergebnisse zum Durchbruch gelangen, ergibt sichder Schluß, daß die industrielle Beschäftigung in den gewerbreichstenLandesteilen ungewöhnlich stark in den Vordergrund tritt. Zu diesenzählen hauptsächlich die mit Verkehrsmitteln reichlicher ausgestatteten,dichter bewohnten Kantone des Flachlandes, und von dem Alpen-gebiete Appenzell A.-Rh. und Glarus , während ein mittleres Ver-hältnis in den Kantonen Bern , Luzern , Zug, Solothurn und Waadt angetroffen wird.

Anfangs der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts waren bloßetwa 12 °/o der schweizerischen Bevölkerung mitFabrikaten, Manu-fakturen oder Handwerken" beschäftigt. Die auf 144,500 geschätzteGesamtzahl derselben verteilte sich ziemlich gleichmäßig auf das Hand-werk und die Fabriken. Neben diesem Charakteristikum unserer Industriewird als weiteres der Umstand hervorgehoben, daß unter den alsFabrikarbeitern gezählten Personen eine verhältnismäßig große Mengesolcher sich befinde, die um Stücklohn im Hause arbeiten. Dies rührtdavon her, daß einige Hauptindustriezweige der Schweiz vorzugs-weise Hausarbeit bei in voller fabrikmäßiger Arbeitsteilung sich ent-wickelndem Betriebe gestatten. Darum begegnete man damals der fabrik-mäßigen Hausindustrie fast am meisten in landwirtschaftlichen Kantonen