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Die Schweiz als Industriestaat / von Dr. Emil Hofmann, Nationalrat in Frauenfeld
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stand darum diese jeweils auf feiten der Großindustrie, um eine mög-lichste Herabsetzung fremder Zölle auf Käse und Vieh zu erlangen.Mit dem genannten Jahr trat ein Umschwung ein. Die Gesellschaftschweizerischer Landwirte warf den Funken ins Pulverfaß. Die Bauern,bisher in der Zollfrage mundtote Zuschauer, wurden plötzlich eine mäch-tige Partei. Mitglieder der Bundesversammlung traten zu einem land-wirtschaftlichen Klub zusammen, um die Interessen der Landwirtschaftim Parlament zu wahren und die agrarischen Schutzzölle zu vertreten.Mit der Gründung des vom Bunde subventionieren schweizerischen Bauern-verbandes und der Einrichtung eines Berufssekretariats hatte nun auchnoch die dritte große Jnterefsentengruppe Gelegenheit bekommen, dieFragen des Zolltarifs und der Handelsverträge von ihrem Standpunktaus einläßlich zu prüfen und zu beleuchten.

Das Vorbild des im Jahr 1869 gegründeten und 1882 reorgani-sirten schweizerischen Handels- und Jndustrievereins mit seiner Anstellungständiger Sekretäre war also nicht ohne Nachahmung geblieben. Diegenannten Sekretariate haben ein wertvolles Material gesammelt undgesichtet, für das man ihnen um so dankbarer sein wird, als unsereHandelsstatistik lange sehr viel zu wünschen übrig ließ und sich bisMitte der achtziger Jahre begnügte mit der Feststellung des Brutto-gewichtes der ein- und ausgeführten Waren und der Grenzstrecke, überwelche die Ein- und Ausfuhr stattfand.

Die Interessen der Konsumenten fanden ihre Vertretung und Wort-führer in den Städten und namentlich in der Westschweiz (1890 Ligagegen die Verteuerung der Lebensmittel).

Daneben krystallisirten sich noch weitere Gruppirnngen heraus. DerInteressengegensatz zwischen Baumwollweberei und Baumwolldruckerei,derjenige zwischen den Maschinenindustriellen und Hochofenbesitzern, denWollindustriellen und den Leinenindustriellen rc.

Das Ziel - dieser verschiedenen Jnteressentengruppen ist zwar demNamen nach sehr verschieden, kommt aber in seinen: Nutzeffekt völlig aufdas Gleiche heraus. Für unsere bedeutendsten Industrien, Stickerei,Uhrenindnstrie, Seidenstoff- und Seidenbandweberei, Maschinenindustrie,hatten Schutzzölle lange keinen oder doch nur einen minimalen Wert.Das Verlangen der Großindustrie, mit Ausnahme der Baumwollspinuereiund -Weberei, ging daher auf möglichst ungehinderten Bezug von Halb-fabrikaten und Hilfsstoffen und aus möglichste Zugänglichmachung derausländischen Märkte. Die kleinen Industrien und das Gewerbe ver-langten Schutz gegen die durch übertrieben hohe Schutzzölle hervorgerufene

E. Hofmann , Die Schweiz als Industriestaat. g