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Die Milchproduktion im Thurgau in ihrem Verhältniss zur Ernährung des Volkes : : Referat an die Thurgauische gemeinnützige Gesellschaft / / von Jakob Christinger, d. Z. Präsident derselben
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stillschweigend als heilige Pflicht des Bauers im ebenen Landeerachtet, alles das zu bauen, was zu des Volkes Nahrung,Kleidung, Obdach und Bequemlichkeit nöthig schien. Diese An-schauung ward nun mehr und mehr fallen gelassen, und esbreiteten sich wie neue Fabriken des Bauernstandes die Käsereienüber die landwirthschaftlichen Gegenden aus. Die müßig liegendenBrachzelgen oder Brachacker verschwanden, Kleefelder und Futter-gewächse grünten an ihrer Stelle; die Ackerwirthschaft wurdeeingeschränkt und eine sehr beträchtliche Vermehrung des Milch-viehs trat ein, welches sich bald auch eines viel bessern undreichlichem Futters als früher erfreute. Vieler Orten wurdendie Scheunen und Stallungen zu klein, sie mußten 'erweitertoder durch neue, größere und schönere ersetzt werden. Wo diesnicht Bedürfniß wurde, hatte man sich aus Liebe zum Her-kommen nicht mit der Neuerung befreunden können. Wer etwaum die Zeit des Sonderbundskrieges unsern Kanton verlassenhätte und wäre nach 30 Jahren in die alte Heimat zurück-gekehrt, der hätte die alte stabile Landwirthschaft nicht mehrgefunden, sondern eine neue von viel größerer Beweglichkeitviel mehr Produktionskraft, besserem Boden, reicheren Ernten,erhöhtem Wohlstände, und dieses Alles bei geringerem Auf-wande von Arbeitskraft.

II. Statistisches.

Wie man von der Kultur der Völker behauptet, daß sie vonOsten nach Westen fortschreite, so ist die Milchproduktion alslandwirthschaftliche Neuerung von der Ostseite her in den Thur-gau gedrungen. Dies hatte jedoch seinen Grund nicht in jenemGesetze der Kulturbewegung, sondern in dem Beispiel der appen-zellischen und St. gallischen Nachbarn, welche durch die Naturihres Bodens schon früher auf diesen Zweig der Landwirthschafthingewiesen waren; vielleicht auch in den spekulativen Köpfender Oberthurgauer, welche in Bezug auf Erwerbsthätigkeit durch