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Die Soldaten der französischen Republik und des Kaiserreichs / Hippolyte Bellangé
Entstehung
Seite
70
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?0 Die Soldaten der Republik

Der 72jährige Beaulieu sprach freilich nicht so zu seinen Trup-pen, wie der 27jährige Bonaparte, und er konnte, genau genommen,auch nicht so sprechen, da er nur die Befehle eines entfernten Hofkriegs-rathes vollzog, und einen gewöhnlichen Feldzug, keinen Eroberungskriegbeabsichtigte. So verschieden als die einander gegenüberstehenden Feld-herren, waren auch die Truppen. Die österreichische Armee hatte imvergangenen Jahre unglücklich gekampft, was stets auf den Geist desSoldaten einen nachtheiligen Einfluß ausübt. Den ganzen Winter hin-durch hatten die Truppen in den rauhen Apenninen Dienste gethan,hatten Mangel gelitten, waren niedergeschlagen und entmuthigt. Nichtbesser war es bei den Sardiniern, welche ohnedies den kräftigen Men-schenstämmen, aus denen die österreichische Armee zusammengesetzt ist,nachstehen. Die Franzosen waren dagegen durch die stolzen Ver-sprechungen ihres jungen Feldherren zur Leidenschaft entflammt, dürste-ten nach Sieg, nach der reichen Beute, welche die Eroberung vonItalien verhieß.

Bonaparte und Beaulieu begannen ihre Offensivbewegungenfast gleichzeitig, Letzterer, noch bevor seine Truppen alle versammeltwaren. Dem französischen Feldherrn war dies, so wie die ausgedehnte

baten liefen ungestüm vor, und erreichten bald den Obcrgeneral, der langsam inMitte seines Generalstabes ritt. Schon hatte sich der Sinn der Rotte geändert, unddie Soldaten riefen ihm zu,er möge ihnen ihre Offiziere- wiedergeben." Bonaparteschien dieses Begehren vorausgesehen zu haben, und sprach mit Ruhe so zu denempörten Truppen:Soldaten! ich verstehe Eure Wünsche, ich freue mich ihrer, siesind Eurer würdig. Wir führen keinen Vertheidigungskrieg, sondern einen An-griffskrieg und ziehen auf Eroberungen aus. Ihr habt keine Artillerie, keine Mon-tur, keine Schuhe, keinen Sold; es fehlt Euch an Allem, aber Ihr seid reich anMuth. Jenseits dieser Berge liegen die fruchtbaren Ebenen Piemonts und der Lom-bardei. Dort giebt es Magazine, Artillerie und Schätze; vorwärts, und sie sindEuer! Der Feind ist viermal stärker, dafür werdet. Ihr aber auch mehr Ruhmernten; ich gebe Euch Eure Offiziere wieder, sie werden Euch gegen die Feinde derRepublik führen." Bei diesen Worten verwandelte sich die Unordnung in Enthusias-mus, der tausendstimmige RufBonaparte lebe hoch!" erscholl, und von diesemAugenblicke an datirte sich das zuversichtliche Vertrauen der Armee von Italien inihren jungen General. Jedenfalls war der Inhalt der Rede Bonaparte's an dieaufrührerischen Soldaten wesentlich gleich jenem der Proclamation, und'nicht dieganze Armee, sondern nur einige Regimenter hatten sich empört.