Buch 
Urgeschichte der Schweiz / Jakob Heierli
Entstehung
Seite
77
JPEG-Download
 

77

Die Eiszeit oder das Diluvium.

zu einem grossen Kulturfortschritt geführt haben kann, aberschwieriger wäre der Nachweis, dass die zivilisierten Staaten soentstanden seien. Wir haben indessen auch positive Beweise für dieRichtigkeit der Anschauung Nowackis. In vollem Umfange werdenwir sie bei Betrachtung der neolithischen Kultur kennen lernen,aber schon hier sei darauf aufmerksam gemacht, dass speziell beiden Pfahlbauern der Steinzeit, die doch sicher keine zivilisiertenVölker waren, nicht bloss unsere heutigen wichtigsten Haustierekonstatiert wurden, sondern auch zahlreiche Spuren eines intensivenAckerbaues nachgewiesen werden konnten. Freilich ist hier dieMöglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die Kultur der Pfahlbauerdurch gewaltsame Vereinigung von Nomaden und Ackerbauern,uicht aber durch friedliche Entwicklung zustande kann.

Fassen wir zusammen! Die tiefststehenden aller bis jetzt be-kannt gewordenen Horden und Stämme sind Jäger (im weitestenSinne) und Pflanzensammler. Die Jagd liegt den Männern ob, dasSammeln von Vegetabilien den Weibern. Das ist die Stufe derWildheit. Ihr gehören in der Gegenwart z. B. die Australier, ihrgehörten in der Vergangenheit die Diluvialmenschen an. Dienächst höhere Bildungsstufe, die man auch etwa als die Stufe derRarbarei erklärt hat, umfasst einerseits die viehzüchtenden Nomaden,andererseits die sesshaften Ackerbauer und drittens Völkerschaften,die Viehzucht und Ackerbau gleichmässig pflegen und pflegten. Beiden Nomaden herrscht das Patriarchat oder das Vaterrecht, beiden Ackerbauern ein mehr oder weniger ausgeprägtes Matriarchatoder Mutterrecht, und bei der dritten Abteilung der Barbaren, zu"'eichen neben den Neolithikern der Vergangenheit z. B. viele Pa-puanen und Malayen von heute gehören mögen, liegt das Schwer-gewicht wieder auf der Seite der Männer, aber nirgends nimmt diekrau jene niedrige Stellung ein, wie bei manchen nomadisierendenHorden mit extremem Patriarchat.

Je niedriger die Kulturstufe, um so länger verharrt der Menschderselben, um so langsamer ist der Fortschritt. Wir sind nochnicht dazu gekommen, auch nur für ein Kulturvolk die Länge der^ e it zu bestimmen, während welcher es in der Barbarei verharrteUnd noch viel weniger lässt sich der Zeitraum ermessen, den esZustande der Wildheit zugebracht. Was aber die dritte Kultur-stufe, diejenige der Zivilisation betrifft, so ist sie verhältnismässig jung.Hie ältesten Kulturnationen, wie die Chaldäer und Ägypter, datierenkreGeschichte nur 68 Jahrtausende zurück.

3- Kleidung und Schmuck. Bei Betrachtung der Kulturstufenhaben wir die Art und Weise kennen gelernt, wie die verschiedenen