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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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Einleitung. Kostümgestaitung im 12. und 13. Jahrhundert.

Aber auch diese nordischen Stämme in ihrer mannigfachen Ver-zweigung hatten bereits aus sich heraus verschiedene, je ihrem Wesengemässe, völkerliche Besonderheiten zu festeren Formen herausgebildet.Weder in ihren Anschauungen von Ordnung, Sitte und Gesetz, noch inihrem äusseren Gebahren, erschienen sie im Allgemeinen als nur roheEroberer, sondern als Eroberer, fähig den ihnen gewordenen Besitz ineigner Bethätigung zu verwerthen, ihn mit ihren Besonderheiten zu neuerEinheitlichkeit zu verschmelzen. Doch gerade rücksichtlich solches Pro-cesses war das, was sie an äusserer Cultur aus ihren Stammsitzen mitsich brachten, gegenüber der vornehmlich nach dieser Seite hin höchstentwickelten römischen Lebensäusserung, von so überaus geringem Be-lang, dass sie sich eben in diesem Punkte allmälig fast gänzlich demEinflüsse ihrer Besiegten beugen mussten, ja schliesslich das Römerthumgerade darin seine Sieger wiederum besiegte und zwar mit so bindenderKraft, dass es diese nun selbst auf die Dauer von mindestens achthundertJahren zu Trägem seiner Ueberlieferungen machte.

So gewaltig und folgereich auch das Auftreten Karls des Grossenfür die Fortbildung der Völker war, und wie entscheidend dann auchderen Sonderung in die drei mächtigen Hauptreichc Deutschland , Frank­ reich und Italien für ihre fernere, nun dadurch bedingte, je eigene Ent-wicklung werden musste, in ihrem äusserlichen Verhalten, so nament-lich in Tracht und Geräth, beharrten sie doch noch unausgesetzt wesent-lich bei den altrömischen Mustern, nur dass sie allmälig auch schon ihrenBlick auf die an sich in dieser Beziehung bei weitem reichere Gestaltungder Byzantiner richteten. Von einer etwa bereits selbständig volksthüm-lichen Bethätigung der Art war bei ihnen vorerst noch kaum auch nurdem Namen nach die Rede. Für sie, und ganz insbesondere für diemittelgermanischen Stämme, begann überhaupt erst mit Karl dem Grossendie Zeit der Versuche sich die fremden, römischen und zum Theilgriechischen Vorbilder nachahmungsweise zu eigen zu machen; eine Weiseder Thätigkeit, welche dann freilich, doch auch erst nach langem überausmühevollem Verlauf, gewissermassen zu einer Verschmelzung dieser über-kommenen Formen mit dem inzwischen wieder erwachenden ureigenengermanischen Formensinn führte.

Die frühsten, jedoch noch überaus rohen und mannigfach schwankenErgebnisse eben dieser Bethätigung vermochten sich nicht vor dem zehn-ten Jahrhundert zu einiger Geltung zu erheben. Auch blieb dieselbe nunfernerhin, bis gegen den Schluss des zwölften Jahrhunderts, vor allemdem Dienste der Kirche gewidmet, indem sie sich fast lediglich die Er-richtung von christlichen Kirchen und die Beschaffung der zur Ausübungdes Cultus nothwendig erforderten geräthschaftlichen Gegenstände mitEifer angelegen sein liess. Innerhalb einer solchen Beschränkung, zu-