Geschichtlicher Ueberblick.
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gleich gegenüber der noch überall vorherrschenden Einfalt und Einfach-heit der sonstigen Lebensverhältnisse aber, konnte denn auch selbst dieseneue, selbständigere Formenbildung auf die anderweitige, ausserkirch-liche Formengestaltung kaum schon einigen nachhaltigen, wirklich er-sichtlichen Einfluss ausüben. Alles, was sie in dieser Hinsicht etwa that-sächlieh zur Folge hatte, war die allmälige Uebertraguug der so gewon-nenen Gestaltungen auf die weltlichen Baulichkeiten und auf das Ge-räthliche überhaupt; in Betreff der Tracht indessen, allein mit Ausnahmeder Bewaffnung, wo eben das Schutzbedürfniss mitsprach, hielt man auchjetzt noch an den dafür althergebrachten Grundformen fest, höchstensdass man nun diese an sich, je nach dem Grade der Ausbildung derdahinzielenden Gewerbthätigkeit in Stoff und Schmuck bereicherte. —
Der eigenst germanische Bildetrieb bedurfte, um gerade nachdieser Seite zu festerem Ausdrucke zu gelangen, erst einer noch tiefergreifenden freieren Verselbständigung. So lange derselbe noch vorwiegendvon der altklassischen Tradition und dem Priesterthume beherrscht wurde,war es ihm nur spärlich vergönnt die ihm eigentümliche Kraft in ganzerFülle nach Aussen zu wenden. Nicht eher bevor im Volke selbst dasBewusstsein der Gleichberechtigung weltlicher und kirchlicher Macht unddamit zugleich die Ueberzeugung individueller Berechtigung in weite-rem Umfange gewonnen ward, vermochte es jene Fesseln zu sprengenund sich dem in ihm seit langer Zeit erwachten und still genährtenDrange nach selbstschöpferischer Betätigung in reinerem Genügen zuüberlassen.
Erst mit dem unbeirrt festen Auftreten Friedrichs I. und namentlichseitdem es ihm gelungen war den Papst Alexander 111., um 1177, zurAnerkennung der Gleichstellung kirchlicher uud weltlicher Herrschaft zuzwingen, gewann das Volksleben überhaupt jenes allbelebende Gefühl v'geistiger Unabhängigkeit, ohne welches eben ein freies selbsttätiges.Schaffen nicht thunlich ist. Von nun an indess, in noch weiterem ge-fördert durch die sich daran knüpfenden Kämpfe um die möglichstvöllige Enthebung der weltlichen Macht von dem päpstlichen Druck,gehoben durch den tiefblickenden Geist Friedrichs II., mit welchem dieserjene Kämpfe durchleuchtete, wurde dann auch dem Bürgerthume zu-vörderst die Möglichkeit geboten, sich als ein der Geistlichkeit und demRitterthum gleichberechtigter, dritter Stand zur Geltung zu bringen.In diesem Bewusstsein erhob es sich schnell. Und wenn es ihm auchnicht so bald gelang, jegliche Schranke zu durchbrechen, welche es seit-her von diesen Ständen in zwangvoller Unfreiheit erhalten, erhielt esdoch dadurch Mittel genug einerseits um die Ritterschaft zur Achtungseiner Stellung zu nöthigen und so eine allmälige Annäherung beiderStände anzubahnen, andererseits aber auch um sich selber zur Thätig-