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Einleitung. Kostümgestaltung im 12. und 13. Jahrhundert.
keit frei heranzubilden und somit die Geistlichkeit ihres bisherigenAlleinbesitzes der Wissenschaft und Kunstbethätigung zu entbinden. Jetzterst vermochte sich auch der bis dahin befangen gewesene germanischeGeist zu eigener Selbständigkeit zu erheben und seinen Gebilden einenur ihm gemässe Ausdrucksform zu geben. Ja kaum so aus seinenBanden gelöst, bereits um den Schluss des zwölften Jahrhunderts, ginger auch schon hierin voran, indem er zunächst innerhalb der Grenzenmehr künstlerischerBetriebsamkeit neben dem vordem allein herrschendensogenannten romanischen Styl eine davon verschiedene „germanische“Kunstform ins Leben rief. Diese, von Nordfrankreich ausgehend, indessseit Beginn des dreizehnten Jahrhunderts vor allem in Deutschland zuder ihr je fähigen vollendeten Reinheit durchgebildet, äusserte sich ganzdem Geiste entsprechend, aus welchem sie hervorgegangen, gerade imGegensatz zu den schwereren wesentlich antikisirenden Formen eben jenesälteren Styls, in einer gleichsam in sich organisch gebundenen Durch-brechung und Auflösung dieser überkommenen Formen zu freieren undleichteren Gestaltungen, und dies gleich mit so durchgreifender Machteinheitlicher Gebundenheit, dass sie in nicht gar zu langer Frist jenenStyl gänzlich bewältigte. Zwar fand auch diese neue Kunstform, gleich-mässig wie die romanische, ihren ersichtlichen Ausdruck zunächst fast-einzig im baulichen Betriebe, in der Ausführung christlicher Kirchen,doch musste nun sie wohl noch um so mehr auch die Durchbildung dernoch sonstigen Lebenserfordernisse bestimmen, als sie ja aus dem eigenenVolksgeiste unmittelbar entsprungen war. Auch blieb eine solche Rück-wirkung nicht aus, und zeigte sich nicht sowohl vorzugsweise in der Be-schaffung des Geräths, als auch, wenngleich um vieles langsamer, in derGestaltungsweise der Tracht. Hierin, sofern diese inniger mit dem Indi-viduum verbunden ist und von diesem vornämlich abhängt, vermochteman sich auch selbst jetzt noch nur schwer von den altüblichen Formenzu trennen.
Die Tracht.
Die sichersten Zeugnisse für das Gesagte liefern zunächst hinsicht-lich der Tracht die vielfach zerstreuten Darstellungen in gleichzeitigenBilderhandschriften und, doch hauptsächlich erst für die Zeit vom Beginndes dreizehnten Jahrhunderts, die aus dem Verlaufe dieses Zeitraumsnoch erhaltenen Grabmonumente und anderweitigen Bildnereien. Sie sämmt-lich und selbst auch noch die dahin zu zählenden ähnlichen Denkmaleaus dem Anfang des vierzehnten Jahrhunderts lassen in der durch siezumeist genau veranschaulichten Bekleidung durchgängig noch deren alt-hergebrachten, römischen Ursprung wahrnehmen.