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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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Geschichtliche Uebersicht.

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Wechsel verlieh. Ueberall bot sich Gelegenheit dar, zu schauen undsich sehen zu lassen. Neben pomphaften Kirchenfeiern und fürstlichenZusammenkünften, glänzend vollzogenen Einholungen und anderen dem-ähnlichen Vorkommnissen, wetteiferte der reiche Adel in Veranstaltungvon Ritterspielen und öffentlichen Lustbarkeiten; das Bürgerthum in derAusstattung von handwerksgenössischen Umzügen, allgemeinen Volksfestenoder privatlichen Ereignissen, in der Einrichtung von Märkten, von Spazier-gängen u. s. w., was sodann wiederum zu noch ferneren Schaustellungenveranlasste. Dazu die beständigen Ausrüstungen und Durchzüge theilseigener, theils fremder Truppen und Söldner, wie solches die unaufhör-lichen Kriegsunruhen forderten; das immer wiederkehrende Erscheinen vonWallfahrern und Büssergemeinden, als auch von einzelnen Abenteurern,die sich dem Zufall des Glücks überliessen; von frommen Betrügern oderBetrogenen, welche ihr Heil in dem Wunderglauben der Menge suchten undvollauf fanden, da dieser gerade jetzt mehr als je in sämmtlichen Ständenwucherte, dies Alles mit seinen Nebenbezügen im Vereine mit densonstigen Wirren, bei noch loser Gesetzgebung in buntester Untereinander-mischung, blieb zunächst noch durchaus mehr geeignet, die Phantasie zubeschäftigen, als den Geist von dem Aussengetriebe ab und nach Innen hinzu lenken. Um aber auch dies im grossen Ganzen mit nachhaltigeremErfolg zu bewirken, dazu bedurfte es vorläufig noch tiefergreifenderEreignisse. So lange das Wort noch nur ein gesprochenes oder höchstensgeschriebenes verblieb, mithin dem Wort noch nicht vergönnt ward, inWirklichkeit Allgemeingut zu werden, konnte eine derartige VertiefungJa überhaupt noch keineswegs allgemeiner Platz greifen. Da indess ward,grad zu rechter Zeit (etwa um 1450), der Schrift- und Bücherdruckerfunden. Durch ihn, in Folge seiner gewaltigen unhemmbaren Wir-kung nun, ward dann allerdings auch der Menge das geeignete Mittelgeboten, fortan auch sich mit bewusstem Urtheil an dem bestehendenKampf zu bethätigen, den Ernst dafür in sich auszubilden, und nun sodem erschütternden Siege der Aufklärung, der Reformation, auch mit siche-rerem Schritte entgegenzugehen.

Zu diesem Umstand, der in seinem Verfolg das Leben dann auchim Allgemeinen aus den bisherigen Geleisen trieb und es auf ernstereZiele hinführte, kamen noch andere Umstände hinzu, um diese Richtungzu begünstigen. Sowohl die jetzt gänzliche Vertreibung der Araber ausSpanien mit ihren weitergreifenden Folgen für die Stellung diesem Reichsund die Entdeckung Amerikas um 1492, wodurch sich dem Osten einevöllig neue, seltsame Welt erschloss, als auch die eben seit dieser Zeitmit Glück unternommenen Seefahrten vorzugsweise der Portugiesen, wieschliesslich auch die zunehmend raschere zweckmässige Verwendung desSchiesspulvers, trugen wesentlich mit dazu bei den gesammten Lebens-