52 I. Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrh.
von Hochschulen, zumeist nach dem Vorgänge der in Prag um 1348 be-gründeten Universität, trug das ihrige dazu bei solchem Bemühen Kraftzu geben, ihm ferneren Boden zu gewinnen. Dass die fortwucherndeZerrüttung ihren wesentlichen Grund in der Entartung der Geistlichkeitund der Haltlosigkeit der Kirche hatte, konnte auch selbst der nur oben-hin blickenden Masse nicht mehr entgehen; dies um so weniger, als esja Jedem durchaus unbenommen blieb den wirklich religiösen Vorschriftenin wahrer Frömmigkeit nachzuleben. Auch war aus der Masse keines-wegs Glaube und Frömmigkeit verschwunden, sondern gerade in ihr dasBedürfniss der Kirche stets lebendig geblieben, nur dass dies Bediirf-niss eben in der Handhabung der Religion keine wahrhaft innerlicheBefriedigung mehr zu finden vermochte. Denn während sich der Laien-stand ans den Banden der Geistlichkeit zu eigener Denkfreiheit erhob,ward jene bei ihrem geistigen Verfall in steigendem Grade darauf be-dacht ihre Herrschaft mindestens über den blossen Sinn zu behaupten,ihm durch stets erhöhte Pracht und Schaugepränge zu imponiren. Diesjedoch, wie die damit verbundene Anhäufung leerer Ccremonien liess nundie Inhaltlosigkeit in nur um so grellerem Lichte erblicken. Als sichdann aber noch überdies auch im Kirchenregiment selber die höchsteVerwirrung einstellte, indem (seit 1378) eine Reihe von Jahren hindurchPäpste und Gegenpäpste erstanden, die keine Art von Mittel scheuteneinander als unwürdig darzustellen, da schliesslich musste denn wohl auchselbst den Unbefangenen eine Reform der Kirche und ihrer Vorständeals eine nothwendige Forderung erscheinen. — Was Männer, wie insbe-sondere Wiklef (etwa seit 1360) bereits im Einzelnen versucht, hatte alsoffenkundiger Ausdruck gemeinsamer Stimmung still fortgewirkt. Nun aberfand diese noch härtere Vertreter, Geister von solcher Mächtigkeit undsolcher Kraft in Wort und That, dass sich demgegenüber die Kirche jetztgeradezu gezwungen sah, der Klage gegen sie Rede zu stehen. Gelanges dieser dann auch noch zunächst, wie auf den beiden Concilien, zuKostnitz (um 1415) und Basel (seit 1431), ihre Form im Ganzen zuwahren, trug dieser ihr Sieg, da augenfällig nur durch Ungerechtigkeitimd Gewaltthätigkeit erzielt, auch durch die abermalige Ab- und Ein-setzung von Päpsten verwirrt, doch nur noch entschiedener dazu bei dieNothwendigkeit einer solchen Reform in ein noch klareres Licht zu setzen.
Wenngleich nun die religiöse Spannung begann die Gemüther über-hauptwesentlicher zu beschäftigen, sie auch wohl schon immer allgemeinerzu ernsterer Betrachtung anzuregen, überliess man sich nichtsdestowenigerdem einmal gewohnten Lebensgange. Im gesellschaftlichen Verkehr vor-nämlich blieb es noch gänzlich beim Alten, nur dass in diesem geradedadurch Leidenschaftlichkeit und Parteiung in noch höherem Grade er-wachten und dies nun dem Nebeneinanderleben einen noch grösseren