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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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A. Die Tracht. Frankl'., England, Kiederl. (Stoffe u. d. Verfertig.) 57

auch nur zu folgen im Stande war, als man 'sich hier auf einem dafürschon seit lange gewonnenen völlig festen Boden bewegte. Vor allemwaren es die Niederlande, die ihren Hang behaupteten. Von hier ausauch war in England zuerst unter Eduard III. , etwa seit 1330, undzwar durch betriebsame Auswanderer die Gewerblichkeit wirklich gefördertworden, und so auch blieb man noch überall, wo es auf deren Förderungankam, auf Nacheiferung und Aneignung des niederländischen Betriebsverwiesen. Jedoch schon unter solchem Bemühen begann der englisch-französische Krieg. In diesem Krieg, der beide Reiche bis zum Äeusser-aten hin erschöpfte, wurde nun aber auch die so erst kaum begonneneGewerblichkeit allein mit Ausnahme weniger Zweige für den niederstenBedarf wiederum fast gänzlich zu Grunde gerichtet. Und nicht ehervermochte sie sich daun hiervon abermals zu erholen, als um die Mittedes fünfzehnten Jahrhunderts ,* von da an man sich nun in Frankreich hauptsächlich zunächst wiederum die Verfertigung und Vervollkommnungdes Tuchs und, als neue Gewerbszweige, das Verspinnen der Baumwolleimd die Herstellung von Linnendamast mit nachhaltigerem Erfolg ange-legen sein liess. Bei der noch immerhin schwierigen und langsamen Her-stellungsart dieser Stoffe blieben die Preise dafür jedoch auch noch fernerbeträchtlich hoch; so namentlich auch für die besseren Tuchsorten, dieman freilich auch noch immer gemeinhin von Lederstärke beschaffte.Nicht minder auch blieb die Schönfärberei noch länger ein ziemlich kost-spieliger Betrieb, obschon man auch sie vervollkommnete, wie denn über-haupt noch alle Artikel, welche nicht eben lediglich die Nothdürftigkeiterforderte, bedeutende Mittel beanspruchten. Die Seidenweberei stand amlängsten zurück. Sie erhob sich nur sehr allmälig, nicht eher als seit1480, in welchem Jahre in Frankreich zuerst Ludwig XI. Seidenwirkeraus Griechenland und Italien berief, denen er zuvörderst in Tours eigeneWerkstätten einrichtete, um nun durch sie erst die verschiedenen Ver-fahrungsarten lehren zu lassen. '

In den Niederlanden dagegen erfuhr die Gewerblichkeit kaumeine Störung. Während sie in Frankreich und England fast ununter-brochen darniederlag, schritt sie dort und dann auch noch vornämlichmit in Folge der engeren Verbindung jener Länder mit dem üppigenBurgund, seit der Herrschaft Philipp des Guten (zwischen,1419 und1467) in gewohnter Rüstigkeit fort. Dies im Verein mit dem daselbstseit Alters blühenden Wohlstand und Handel und der dadurch hier vonvornherein besonders gesteigerten Neigung zum Prunk war deren Fort-bildung dergestalt günstig, dass sie nun hier, als Frankreich und Eng-land erst wiederum von neuem begannen sich gewerblich emporzuar-beiten, schon nach den vielseitigsten Richtungen hin die höchste Vollen-dung erreicht hatte. Und solches betraf nun nicht allein die schon seither

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