Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
58
JPEG-Download
 

58 I. Das KoBtüm vom Beginn des 14. bi9 zum Beginn des 16. Jahrh.

betriebenen Gewerke, sondern auch die Ausübung von jüngeren Gewerbs-zweigen, als namentlich auch die Herstellung von Seidenstoffen und vonSammet. Schon lange bevor ehe Ludwig XI. dazu schritt diese In-dustrie in seinem Reiche zu befördern, waren dafür in den Niederlandenumfangreiche Werkstätten erstanden, deren Erzeugnisse sich ebensowohldurch die Güte ihres Gewebes als auch durch Trefflichkeit in der Fär-bung und durch den Reichthum und Geschmack ihrer Muster auszeich-nete. Auch hatte man sich gleichmässig damit die Verfertigung vongold- und silberdurchwobenen Stoffen oderBrokat in einer Weise zueigen gemacht, dass man mit allen derartigen Waaren bereits seit Beginndes fünfzehnten Jahrhunderts selbst auch mit Italien wetteifern konnte.Zudem aber erreichte man in den schon seit lange betriebenen Gewerkennun auch die äusserste Vollendung, wie denn vor allem in Herstellungder verschiedenen Arten von Tüchern, die 'man zum Theil gleichfalls buntdurchwob, und von linnenen Geweben, welche man nunmehr von jederStärke bis zu zartester Feinheit beschaffte.

Fehlte es somit den höheren Ständen auch in Frankreich und Eng-land wohl niemals an mannigfachen und kostbaren Stoffen, selbst umihrer Prunksucht genügen zu können, waren nun doch die Veränderungenhinsichtlich des Schnitts und der Zahl der Gewänder bis zu jenemdurchgreifenden Umschwung um die Mitte des vierzehnten Jahr-hunderts, wie überall, so auch hier nur gering. Ungeachtet der in-zwischen stattgehabten Fortbildung der einzelnen Körperschaften derSchneider, der Schuhmacher, Kürschner u. s. w. blieb eben dies bis zudiesem Zeitpunkt bei beiden Geschlechtern im Wesentlichen auf nochfernere Verengerung im Ganzen und für die Männer noch insbesondereauf zunehmende Kürzung des Oberkleides, sonst aber nur noch auf einean sich nur ziemlich mässige Umgestaltung sehr weniger Besonderheitenbeschränkt.

An der männlichen Kleidung zunächst vollzogen sich diese Ver-änderungen bei weitem am ersichtlichsten. Diese noch fernerhin, wiebisher, hauptsächlich aus Hemd, Rock , Oberrock, Beinkleid, Mantel, Kopf-bedeckung und Stiefel oder Schuhe bestehend, ward schon nach Verlaufder ersten Jahrzehnte fast in allen Theilen davon berührt.

Nächst dem Hemd, das seine gewöhnliche einfache Form noch zu-meist bewahrte und das man nun höchstens am Kopfloch vorn, unterdem Hals, etwas weitete, war es vorzugsweise der Rock, den man un-mittelbar darüber trug, welcher dem Wechsel unterlag. Im Anschluss anseine herkömmliche Gestaltung begnügte man sich zuerst damit, ihn nurmassig zu verkürzen und vornämlich nur durch Fältelung und ein Zu-sammenfassen derselben vermittelst eines Hüftgürtels dem Körper engeranzuschmiegen (vergl. Fig. 33 a. d. c ). Nicht lange hiernach jedoch schritt