66 L Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrli.
wenn Gott solch thöricht Ueberschreiten jegliches Maasses durch seineGeissei, den König von England, strafen wollte“.
Obschon nun wohl dieser Berichterstatter füglich ausser Augen lässt,dass es sich mit der Tracht der Engländer im Grunde genommen ganzähnlich verhielt, hatte er doch immerhin insofern liecht, als eben diesAlles von Frankreich ausging und auch zunächst hier Verbreitungfand. Auch war die Wandlung allerdings arg, denn sie vollzog sich nunin der That innerhalb der Gegensätze von Verkürzung und Ein-schnürung und von Verlängerung und Erweiterung selbst bis zur Ueber-treibung hin, zugleich, mitveranlasst durch die Aufschlitzung, welche dieEinschnürung forderte, in zunehmender Entblössung vorzugsweise vonHals und Brust, was dann aber wiederum, im Gegensatz auch dazu,vomämlich in Rücksicht der weiblichen Kleidung, zugleich auch noch einenoch tiefere Verhüllung dieser Theile mit sich brachte. In Folge dessenkamen nunmehr auch neben den bereits üblichen Gewändern mancherleineue Gewandformen unter eigenen Namen auf; so insbesondere für dieMänner (den Namen nach aber auch für'die Weiber) die „housse (hou-siq)/‘ die „houppelande“ , die Jupe“, der „pour-point“ u. A. Hiervonbildete die „housse“ einen langen und weiten Ueberwurf, der den Körpervöllig bedeckte, mitunter zur rechten und zur linken von der Brust oderden Hüften herab zu zwei Blättern aufgeschlitzt, die „houppelande“ einenvorn offenen weiten Ueberrock mit Ermeln, der bald kaftanartig sehrlang, bald um Vieles kürzer beliebt wurde und vermittelst einer Schnuroder eines besonderen Gürtels um die Hüften gebunden ward. Die Jupe “und der „pour-point“ (auch Jaquette“) waren enganliegende Röcke, dieman unmittelbar über dem Hemd, unter jenen Gewändern trug; dieerstere eine Art von Leibchen zum Knöpfen mit nur kurzen Schössen,der letztere gemeiniglich ein Knöpfrock entweder mit ganzen oder mithalben ziemlich enganschliessenden Ermeln, der mindestens den obernTheil der Oberschenkel mitbedeckte. Derselbe entsprach somit wohl nochzumeist der „cotte-hardie“, aus der er sich auch höchstwahrscheinlich,wie etwa diese selbst aus dem älteren „surcot“ herausgebildet hatte. —Während die „housse“, nachdem sie vornämlich unter der HerrschaftKarls V. (seit 1364) allgemein geworden war, dann unter der HerrschaftKarls VI. (mithin seit 1380) vorwiegend durch die houppelande undnoch andere ihr ähnliche Gewänder mehr und mehr verdrängt wurde,erfuhren daneben die eigentlichen Mäntel („mantle, mantelet, manteauxä parer“ oder „manteaux ä la royale“), die freilich nun auch durchdiese Kleider gewissermassen entbehrlicher wurden, kaum eine merklicheVeränderung; so auch behielt man die engeren unteren Röcke unaus-gesetzt bei, doch diese nicht ohne sie auch ferner mindestens im Ein-zelnen, wie namentlich in der Ausstattung, mehrfach wechselnd zu