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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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86
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gg I. Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrh.

So in Kleidung reich ausgestattet, trat man das fünfzehnte Jahr-hundert an. Wie sich einmal der Aufwand bis dahin in England unterRichard II. und in Frankreich seit Karl VI. , begünstigt durch diePrachtliebe seiner Gemahlin Isabella und der beiden Herzoge von Berriund von Orleans allgemeiner entfaltet hatte, beharrte man auch fernerdabei. Die Vorherrschaft darin allerdings ging nun und zwar wesentlichmitveranlasst theils durch die Ermordung eben jenes stutzerhaften undtonangebenden Herzogs von Orleans, die um 1407 durch Johann von Burgund erfolgte, theils auch durch die steten Rückschläge des englischen -französischen Kriegs, allmälig auf den ausnehmend reichen und glänzen-den Hof von Burgund über, was indessen, abgesehen von nur zeit-weisem Stillstände, im Modeaufwande überhaupt im Wesentlichen nichtsänderte. Ungeachtet der Wirrnisse jenes unheilvollen Kriegs und dernoch fernerhin oft wiederholten Angriffe gestrenger Sittenrichter und mehr-fach verschärften Aufwandgesetze, als auch dass sodann Ludwig XI -(14611483) durch sein eigenes strenges Beispiel der Prunksucht zu be-gegnen suchte, wurde die Hinneigung dazu nicht nur keineswegs ver-mindert, vielmehr nun gerade durch das Vorbild dieses Hofs in nochWeiterem befördert. Vorerst noch freilich blieb dessen Einfluss auf daseigentliche Frankreich und so auch rückwirkend auf England, sofern eseben beiden Ländern noch an geeigneten Mitteln fehlte, verhältnissmässignur gering, während das schon an sich reiche Burgund durch seine nun-mehrige Vereinigung mit den gesammten Niederlanden, seit 1431, unterden europäischen Mächten zugleich auch in Anbetracht des Reichthumseine der ersten Stellungen errang; als sodann aber jeuer Krieg, etwa1450, zu Gunsten Frankreichs entschieden ward, gewann dieser Einflussdergestalt an nachhaltig durchgreifender Kraft, dass man nun in Allemwas äusseren Anstand und Modeluxus anbetraf nur noch überhaupt einzigBurgund als mustergültig anerkannte. In solcher alleintonangebenderStellung behauptete es sich dann unausgesetzt bis zu dem jähen TodKarls des Kühnen in der entscheidenden Schlacht bei Nancy (1477), inwelcher Burgund auch überdies seine bisherige glanzvolle Rolle für alleZeiten ausspielte. Hiernach und zugleich mit in Folge der baldigenUebertragung des Reichs an Maximilian I. durch seine Verheirathungmit Maria, Karls des Kühnen Erbtochter, da diesem sowohl Geld alsNeigung zu ähnlichem Prachtaufwande fehlte, man ihm auch das Erbestreitig machte und ihn um 1488 zwang der Regierung daselbst zu ent-sagen, erhielt dann auf dem Gebiete der Mode Frankreich zwar aber-mals die Herrschaft, musste sie aber nicht lange danach, schon bald

(Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Leipz. 1858. I. S. 237):Die Trachten-geschichte der Engländer kennt sie nicht u. 8. w. als irrthümlich erweist.